COLEO
Gemeinschaft für Coleopterologie e. V.


Exkursionsbericht zur Usedom-Exkursion von COLEO e.V. 2025



Johannes Sander




„Da werden wir uns wohl vor allem auf Gummistiefel-Käfer konzentrieren müssen“, meinte Klaus mit Blick auf den Wetterbericht für die kommende Woche auf Usedom. Wir hatten soeben Hamburg hinter uns gelassen und auf der Fahrt von Bielefeld Pläne für die bevorstehenden Exkursionen geschmiedet. Die Aussicht auf regenreiche Tage brachte jedoch Ernüchterung und ließ uns den geplanten Exkursionszielen mit gedämpftem Optimismus entgegensehen. Wie sehr Klaus mit seiner Einschätzung Recht behalten sollte, würden wir in den kommenden Tagen noch bemerken. Aber alles der Reihe nach…


Die alljährliche Usedom-Exkursion von COLEO e.V. ist seit Ende der Corona-Pandemie längst wieder zu einer festen Tradition geworden, für die man gerne die weite Fahrt aus den westlichen Teilen Deutschlands auf sich nimmt. Mit ihrer vielfältig strukturierten und abwechslungsreichen Landschaft bietet die Insel eine Fülle von Biotopen, die Dünenlandschaften, totholzreiche Laubwälder, Feuchtbiotope, Offenland, Sandbiotope, Reste von Mooren und noch einiges mehr umfasst. Ihr unverkennbarer Wert für die Biodiversität gab Anlass zur Ausweisung von nicht weniger als 14 Naturschutzgebieten – allein auf deutscher Seite! Die Freude, diesen reichhaltigen Naturschatz ein weiteres Mal auf seine Käferfauna hin zu untersuchen, wurde auch in diesem Jahr nur einem kleinen Kreis von Coleanern zuteil, jedoch war es allein für die Hälfte der Gruppe ein erster Besuch auf der Insel Usedom. Unser frisch eingetragenes Mitglied Klaus Hellwig blieb beinahe zwei Wochen vor Ort und konnte sich in dieser Zeit einen guten Überblick über das Gebiet verschaffen. Auch meine Partnerin Hannah Wehnes – eigentlich nicht in den Kreis der Coleophilen zu zählen, jedoch ausgesprochen naturverbunden – nahm zum ersten Mal an der Usedom-Fahrt teil. Klaus Renner zählte dagegen zu den „alten Hasen“ und kannte sich mit der Insel und ihren Käfern bereits bestens aus. Auch für mich war es immerhin schon die dritte Fahrt nach Usedom und doch gab es für uns alle in diesem Jahr einige neue Gebiete zu entdecken, was vornehmlich aus dem Vorsatz erwuchs, die weniger bekannten und besammelten Teile der Insel genauer unter die Lupe zu nehmen. Ein schwerer Wermutstropfen war dabei, dass sich unser erster Vorstand Hans-Joachim Grunwald wegen seiner nur langsam fortschreitenden Rekonvaleszenz nach einer Rückenoperation an der Exkursion teilzunehmen in diesem Jahr verständlicherweise nicht imstande sah. Ein Umstand, der zur Folge hatte, dass auch seine Frau Michaela Grunwald nicht teilnahm. Unser zweiter Vorstand Marcel Mühlfeit hatte bei der diesjährigen Jahreshauptversammlung im April in Arnsberg eine Usedom-Reise zu späterer Zeit im Jahr angekündigt, da ihm eine Teilnahme im Juni ebenfalls nicht möglich war.


Am Tag nach unserer Anreise – diese fiel auf den 5. Juni – zeigte sich bereits, dass Usedom seinem Ruf als „Sonneninsel“ nicht immer gerecht wird. Bei bedecktem Himmel und kühlen Temperaturen brachen wir am späten Vormittag in Richtung unseres ersten Exkursionszieles auf. Fährt man von Garz aus nach Kamminke, folgt in der ersten Kurve, die zum südlichen gelegenen Haff biegt, ein Parkplatz. Von diesem führt in östlicher Richtung ein Weg zum sogenannten Torfkanal. Es handelt sich dabei um die Verlängerung eines Entwässerungssystems, das Mitte des 18. Jahrhunderts unter Friedrich II. zur Trockenlegung weiter Teile des Thurbruchs – einem ehemaligen Niedermoor im Osten Usedoms - angelegt bzw. ausgebaut wurde. Vom Kachliner See läuft ein mehrere Kilometer langes Grabensystem zunächst zum Wolgastsee, welcher Richtung Süden über den bereits beschriebenen Torfkanal mit dem Stettiner Haff verbunden ist. Zum ursprünglichen Nutzen dieses Kanals gibt es teils unbelegte Angaben, welche neben dem bereits erwähnten Zweck der Melioration auch die Nutzung als Transportweg für Torf, der in der nur wenige Kilometer entfernt gelegenen Zerninsee-Senke gestochen worden sein soll, umfassen. Heute markiert der Kanal die Grenze zwischen Polen und Deutschland. Sofern hier jemals Torf transportiert worden ist, gehört dieses Unterfang inzwischen der Vergangenheit an. Da auf polnischer Seite jedoch noch immer ein Schöpfwerk betrieben wird, gilt dies für die Entwässerung nicht. Ein unglücklicher Umstand ist dabei, dass durch die Entwässerungstätigkeiten auf polnischer Seite mitunter auch Wasser aus der Zerninsee-Senke abgeführt wird, was zur Folge hat, dass die ohnehin bereits bedrohten Moorreste im Osten von Usedom weiterhin um ihre Wasserreserven fürchten müssen. Anlass zur Freude gibt dem Coleaner jedoch, dass der Torfkanal an mehreren Stellen seines Laufes – so auch auf Höhe von Kamminke - Populationen der Krebsschere (Stratiotes aloides) beherbergt. Da dieses Froschbissgewächs auf stehende Gewässer beschränkt ist und dort durch Ausläufer teils enge Teppiche bildet, wurden ihre Bestände etwa im Zuge von Grabenräumungen teils stark dezimiert. Auch zur Zeit von Friedrich II. dürfte diese Pflanze wohl bei ausbleibender Pflege zur Verstopfung der Meliorationsgräben geführt haben. Heute wird die Art in der bundesweiten Roten Liste Deutschlands als gefährdet (RL 3) bewertet und kommt in weiten Teilen des südlichen Deutschlands nur sehr selten vor (was wahrscheinlich auch dem Zustand in früheren Jahrhunderten entspricht). Das Gewächs alleine wäre Grund genug, dem Torfkanal einen Besuch abzustatten, jedoch hofften wir auf eine andere Rarität, die eng mit der besagten Pflanze verknüpft ist: die Rüsselkäfer-Spezies Bagous binodulus. Die Art lebt monophag an der Krebsschere und ist im Gegensatz zu zahlreichen anderen Bagous vor allem im Frühling und Frühsommer zu suchen. Nur zu dieser Zeit ist ihre Wirtspflanze an der Wasseroberfläche zu finden. Im Herbst sinken die Blattrosetten zum Gewässergrund und bilden als sogenannte Turionen – knospenförmige Überdauerungsstadien – die Grundlage für die Generation des nächsten Jahres. Der in Berlin geborene Entomologe Dr. Carl Urban beschreibt in einem Bericht von 1923 wie die Käfer zu suchen sind:

B. binodulus lebt als Käfer und Larve im Frühjahr und Sommer auf der Krebsschere, Stratiotes aloides. Wenn man die Tiere finden will, muß man nicht an den frischen, grünen Pflanzen suchen, sondern den unansehnlichen, deren Blätter mißfarbig geworden und im Absterben begriffen sind.[1]

Die Krebsscheren-Bestände im Torfkanal waren schnell aufgefunden. Ein Blick nach Süden von der Brücke, die Deutschland mit Polen über den Kanal verbindet, offenbarte uns sofort einen weiten Teppich der gesuchten Art. Zwischen den aus dem Wasser ragenden, stacheligen Blättern wuchsen Wasserlinsen (Lemna sp.) zu Tausenden, sodass die eigentliche Gewässeroberfläche kaum auszumachen war. Ich stieg in meine Wathose und tat einen ersten Schritt in das dicht bewachsene Gewässer, was mich sogleich bis knapp unter das Knie im Schlamm des Gewässerbodens einsinken ließ. Nur mit Mühe konnte ich das Gleichgewicht halten und verhindern, dass es mich vornüber hinwarf. Es war schnell klar, dass die Kollegen ohne Wathosen, das Gewässer nur vom Rand aus würden absuchen können. Mit dem Stab meines Wasserkeschers als Stütze konnte ich mich langsam durch das schlammige Gewässer arbeiten und sammelte dabei nach der Beschreibung von Dr. Urban die kümmerlichsten Exemplare der Krebsschere auf, wovon ich einige selbst auf das Vorkommen des B. binodulus untersuchte und andere den Kollegen am Ufer zur Absuche brachte. Doch unseren Mühen blieben unbelohnt. Auch nach andauernder Suche war kein erlösender Freudenschrei zu hören. Der Bagous binodulus blieb unauffindbar. Wir kontrollierten Blattachsel für Blattachsel, doch das einzige was dort zu finden war, war eine Fülle von Libellenlarven und Planarien. Ob es sich bei den Großlibellen-Larven um jene der seltenen, ebenfalls auf Krebsschere spezialisierten Aeshna viridis handelte, ließ sich für uns nicht beurteilen. Für ein Vorkommen der Imagines war es noch zu früh im Jahr. Ich bezweifele, dass es uns an Gewissenhaftigkeit fehlte, noch kann ich mir vorstellen, dass die Stichprobe der überprüften Pflanzen, die wir im Anschluss an die Suche wieder vorsichtig zurück ins Wasser setzten, zu gering war. Denkbar wäre, dass der dichte Bewuchs von Wasserlinsen einen Einfluss auf das Vorkommen des Käfers hat, doch entsprechende Untersuchungen dazu fehlen nach meiner Kenntnis. Zweifellos bedingt das Auftreten der richtigen Wirtspflanze nicht unumgänglich auch die Präsenz des dazugehörigen Käfers. Wir wandten uns der Ufervegetation zu, die neben Phragmites australis vornehmlich aus Seggen und inselartigen Beständen von Iris pseudacorus gebildet wurde, doch auch hier war kaum ein Käfer zu finden. Während meiner Suche von der Wasserseite beobachtete ich, wie die Staphylinidae Thinonoma atra geschickt von Linse zu Linse über die Wasseroberfläche huschte. An der untergetauchten Ufervegetation lebte Noterus crassicornis und in den Blattachseln des Wasser-Schwadens (Glyceria maxima) hatte der Sumpffieberkäfer Contacyphon pubescens ein Zuhause gefunden (Abb. 1).



Abb. 1 Die Suchenden haben die Krebsschere bereits aufgegeben und widmen sich dem Wasserschwaden


Während unserer Suche war Hannah den Kanal Richtung Haff entlang spaziert und hatte weitere Bestände der Krebsschere entdeckt, die nicht von Wasserlinsen umwuchert waren. Um meine oben beschriebene Vermutung zu überprüfen, wollte ich auch diese Pflanzen nach dem B. binodulus absuchen und bat Hannah mir die Stelle zu zeigen. In meinem Unterfangen kam ich jedoch nicht weit, denn aus heiterem Himmel platzte ein Wolkenbruch über uns herein, der uns innerhalb weniger Minuten nass bis auf die Haut werden ließ. Wir eilten den Weg am Torfkanal zurück in Richtung der Brücke und fanden dort Klaus H. und Klaus R., die auf polnischer Seite unter einer Eiche dürftigen Schutz vor dem Regen gefunden hatten. Schon kurz nachdem wir uns zu ihnen gesellt hatten, ließ der Regen wieder nach. An eine Fortsetzung der Exkursion war zunächst nicht zu denken, denn wir alle hatten nur noch nasse Kleider am Leib und so entschlossen wir uns für den Rückweg zum Parkplatz. Klaus H. war als Einziger von uns bestens auf das wechselhafte Wetter vorbereitet (Abb. 2) und hatte bereits eine trockene Hose im Auto liegen, sodass er die Käfersuche nach einem Kleiderwechsel fortführten konnte. Der Rest von uns wollte zunächst zurück in die Unterkünfte und so vereinbarten wir, uns nach einer kurzen Pause telefonisch auf ein Exkursionsziel für den Nachmittag zu verständigen. Klaus R. hatte sich in bewährter Weise im Hotel „Residenz“ in Heringsdorf einquartiert, während Hannah und ich eine kleine Ferienwohnung bewohnten, die fußläufig nur eine Viertelstunde von besagtem Hotel entfernt lag.


Abb. 2 Die durchnässte Truppe zurück bei den Autos.


Nach einer guten Stunde fanden wir uns mit Klaus R. wieder zusammen. Die Lebensgeistern waren durch die trockenen Kleider und eine heiße Tasse Kaffee mit etwas Gebäck wieder geweckt. Auch das Wetter hatte sich in der Zwischenzeit gewandelt. Die dichte graue Decke war wenigen weißen Wölkchen gewichen und die durchnässte Landschaft wurde nun von den kräftigen Strahlen der spätnachmittäglichen Sonne gewärmt. Aufgrund der bereits fortgeschrittenen Uhrzeit, hatten wir beschlossen, dem Mümmelkensee einen Besuch abzustatten, da dieser mit dem Auto nur wenige Minuten von Heringsdorf entfernt lag. Klaus H. war noch anderen Orts auf der Insel unterwegs und versprach, nachzukommen.

Der Mümmelkensee ist das Moorauge eines Kesselmoores, das seine Existenz einem längst abgeschmolzenen Toteisblock der über 10.000 Jahre vergangenen Weichseleiszeit verdankt. Seine Name rührt von der dort wachsenden Gelben Teichrose (Nuphar lutea), welche im Plattdeutschen Mümmelken genannt wird. Als eines der wenigen Moore Pommerns, das historisch nie genutzt oder entwässert wurde, beherbergt es eine Fülle von typischen Moorbewohnern, die dem Gebiet einen unersetzbaren Wert geben. Der Weg zum Mümmelkensee führt zunächst durch einen Rotbuchenforst, der trotz seiner Uniformität einen gewissen Totholzanteil bietet. An einigen mächtigen, umgestürzten Stämmen, die den Rande des Weges säumten, machte Klaus R. halt. „An solchen Stämmen darf man eigentlich nicht so einfach vorbeigehen“ meinte er nur, während er den Stechbeitel bereits in der Hand hielt. Wir inspizierten die weißfaulen Stämme, indem wir stichprobenartig an einigen Stellen die Borke entfernten und sowohl Abbruch als auch darunter liegendes Holz auf das Vorkommen von Käfern prüften (Abb. 3). 


Abb. 3 Auf dem Weg zum Mümmelkensee wurde auch das Totholz nicht vernachlässigt.


Einige typische und weit verbreitete Rindenbewohner gingen uns ins Glas, so etwa der Paromalus flavicornis und sein etwas seltenerer Familiengenosse Plegaderus dissectus. Eine Tomoxia bucephala lag noch in der Puppenwiege und wartete wohl auf wärmere Tage, um endlich als fertiger Käfer das Licht der Welt zu erblicken. Unter dem letzten Borkenstück wuselte noch eine Phloeopora corticalis aufgeregt hervor – verschreckt durch das schamlose Eindringen der unangemeldeten Gäste. Wir entschieden, dem noch recht festen Holz der Buchenstämme keine weitere Beachtung zu schenken und lieber den restlichen Weg zum See zu nehmen. Die Ufer dort sind großflächig von Schwingrasen gesäumt, einer auf dem Wasser schwimmenden Pflanzendecke die vorwiegend von Torfmoosen und höheren Wasserpflanzen gebildet werden. Bei einem solchen Verlandungsprozess ist die Tragfähigkeit des Untergrundes nicht immer gegeben, sodass in der Vergangenheit zahlreiche Schauergeschichten von Leuten, die im Moor verloren gingen, entstanden. Berechtigt sind solche Sorgen allenfalls in einem von 100 Fällen. Ein Betreten dieses extrem bedrohten Lebensraumes ist zur Vermeidung von Störungen und Schäden dennoch nicht ratsam und im Falle des Mümmelkensees auch den Mitgliedern von COLEO e.V. untersagt. Wir konzentrierten uns daher auf die westlichen Uferbereiche, die nicht von Schwingrasen gebildet wurden. Neben der recht seltenen Schlamm-Segge (Carex limosa) wuchsen dort auch schöne Bestände des Sumpfporstes (Rhododendron tomentosum) – einem Verwandten der gezüchteten Garten- Rhododendren, die viele Botanophile in die Verzweiflung treiben, sobald sich größere Populationen der Rhododendron-Zikade (Graphocephala fennahi) auf dem Strauch häuslich eingerichtet haben. Dieses eindrückliche Erika-Gewächs hielt mit einem der zahlreichen roten Ampeden auch ein coleopterologisches Juwel für Klaus R. bereit. Auf den Blättern und Zweigen der umstehenden Birken war im Licht der nachmittäglichen Sonne immer wieder ein Funkel erkennbar, das von dutzenden Plateumaren rührte, welche den Tag auf ihren Warten ausklingen ließen. Dass es sich um die durchaus nicht häufige Plateumaris discolor handelte, ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Durch eine eingehende Untersuchung der Fieberklee-Population am Westufer konnten wir auch zwei Tiere des Acylophorus wagenschieberi entdecken, welcher durch die langen ersten Fühlerglieder bereits im Feld gut einzuordnen ist und insbesondere mir ein Desideratum dieser Reise war. Klaus H. war in der Zwischenzeit zu uns gestoßen und beschäftige sich mit den umliegenden Bäumen und Sträuchern, während Klaus R., Hannah und ich uns bereits in Feierabend einleitender Stimmung auf dem Boden niedergelassen hatten und die Ruhe des Sees genossen (Abb. 4). Der Hunger und das schwelende Gelüst nach einem kühlen Bier veranlasste uns schließlich zum Aufbruch und nur eine Stunde später fanden wir uns gemeinsam im Usedomer Brauhaus in Heringsdorf zusammen, wo uns das hauseigene Dunkelbier eine verdiente Abrundung eines ereignisreichen Tages war.


Abb. 4 Bei einigen Teilnehmenden stellt sich bereits Feierabendstimmung ein.


Der morgendliche Blick aus dem Fenster ließ Hoffnung schöpfen. Verheißungsvoll bahnten sich einige Sonnenstrahlen ihren Weg vom wolkenverhangenen Himmel auf die seit gestern getrocknete Insel. Wir waren entschlossen diese Gunst zu nutzen, solange sie uns zuteilwurde und machten uns nach einem kurzen Frühstück ein weiteres Mal auf den Weg in Richtung Kamminke. Hannah hatte sich für den Vormittag entschuldigt, um ein paar produktive Stunden in unserer Ferienwohnung zu verbringen. Dieses Mal sollten Wasserkescher und Gummistiefel jedoch ungenutzt bleiben. Dank der fleißigen Vorarbeit von Klaus R. wussten wir von einigen Wiesen zwischen Garz und Kamminke, welche, dem Luftbild nach zu urteilen, ein ergiebiges Fanggebiet für Phytophage zu versprechen schienen. Ein breiter Weg in südlicher Richtung bot Platz genug, um die Autos abzustellen. Wir rafften die Streifkescher und stopften uns Gläser und Exhaustoren in die Taschen. Die an die Straße grenzende Wiese begrüßte uns mit einer farbenprächtig leuchtenden Segetal-Flora. Zwischen dem frischen Grün der verschiedenen Ampfer-Arten und Süßgräser blitzte das Violett riesiger Wicken-Bestände heraus, die wie dichte Inseln das Hochwachsen aller anderen Kräuter in ihrem Revier unterbanden. Kartäuser- und Strandnelke – letztere trotz ihres Namens eigentlich keine Nelke, sondern ebenso wie der Strandflieder in die Reihe der Bleiwurzgewächse zu stellen – setzten Akzente die, wo sie den Wicken zu nahe kamen, in einem stechenden Farbspiel unaufgelöst blieben. Inmitten des Gestrüpps lagen schüttere Kahlstellen, auf deren sandigem Boden die Sand-Strohblume ihre noch verschlossenen Blütenknospen dem Himmel entgegenstreckte. Gelbe Korbblütler rundeten das Gesamtbild ab. Die Fläche war groß genug, dass sich drei eifrige Käferkundler auch bei ausgiebigem Kätschern nicht in die Quere kommen mussten (Abb. 5).


Abb. 5 Blick auf eine der Wiesen bei Kamminke.


Die botanische Vielfalt hielt auch in coleopterologischer Hinsicht, was sie versprach. Schon nach kurzer Zeit war uns eine Fülle von Apioniden ins Glas gegangen, was im Hinblick auf die fortlaufende Bearbeitung der Rüsselkäfer-Fauna von Usedom durch Christoph German und die Mitglieder von COLEO e.V., Anlass zur Freude gab. Neben den zahlreichen roten Apions, war an sandigen Stellen das Perapion marchicum am Ampfer häufig zu finden. Die Wicken beherbergten neben Bruchiden auch Exemplare von Cyanapion gyllenhalii und Eutrichapion viciae. Auch ein Exemplar des häufigen aber wunderschönen Tychius quinquepunctatus ließ sich von der Wicke fangen. Von den Chrysomeliden war Cryptocephalus fulvus mit Abstand die Häufigste. Es dauerte keine Stunde, da hatten wir alle drei eine reiche Ausbeute zusammengetragen und beschlossen, zurück in Richtung Garz zu fahren, um an anderer Stelle unsere Suche nach Phytophagen fortzuführen. Über eine Straße, die andern Orts in Deutschland wohl allenfalls als mangelhafter Forstweg bezeichnet worden wäre, gelangten wir vorbei am alten Friedhof von Kamminke zu einer weiteren Wiese, welche in westlicher Richtung von jungen Eichen und Traubenkirschen umstanden war. Als wir die Friedhofsmauer passiert hatten, kreuzte ein Wiedehopf, dessen unverkennbare Silhouette auch im Flug sofort ins Auge sticht, unseren Weg und verschwand mit wenigen Flügelschlägen hinter der nächsten Baumreihe. Die zweite Wiese stand der Ersten ihren Blütenreichtum betreffend in nichts nach, sondern war im Gegenteil mit Graukresse, Berg-Sandglöckchen, Habichtskräutern, Knäuel und Vogelfuß noch um vieles diverser. Auch einige Exemplare des Spargels waren von weitem zu sehen und luden zur Suche nach Crioceris duodecimpunctata ein. Schon bald bildete sich jedoch ab, dass unser Schaffen vor Ort nicht von langer Dauer sein würde, denn am Horizont ließen bereits tiefschwarze Wolken vermuten, was nur wenige Minuten später über uns herunterkommen sollte. Der erste Wolkenbruch zwang uns in die Autos und da auch der Wetterbericht keine Hoffnung auf ein schnelles Ende der Sintfluten machte, entschlossen wir uns für eine Kaffeepause im Hotel Residenz. Diese Gelegenheit nutzte auch Hannah, um zu uns zu stoßen, sodass wir in geselliger Viererrunde den Regen bei einem Kännchen Kaffee und Kuchen nach Wahl abwarten konnten. Als die Kaffeetassen auf Ebbe standen, klang auch der Regen bereits ab. Um den angebrochenen Tag noch bestmöglich zu nutzen, bot sich ein Spaziergang zum Heringsdorfer Strand an, der über einen Weg entlang des sogenannten Sackkanals – ein weiterer Entwässerungskanal aus früherer Zeit – schnell zu erreichen war. Der Spülsaum des Strandes hielt einige Überraschungen bereit. Neben zahlreichen Exemplaren der Hoplia graminicola war mit einem Männchen von Isorhipis melasoides auch ein für dieses Habitat äußerst untypischer Käfer zu finden. Der Grund für das unverhoffte Auftreten zahlreicher Coleopteren an diesem Strand bleibt unbekannt. Denkbar ist, dass das vormals gute und warme Wetter viele Tiere zu einem Schwärmflug veranlasste, welcher durch den plötzlichen Wolkenbruch je unterbrochen und die Käfer von den herabkommenden Wassermassen ins Meer geschleudert wurden. Fest steht nur, dass, als wir das Unterfangen einige Tage später wiederholen wollten, kaum ein Tier am Strand zu finden war. 

Der Sonntag verwehrte uns den Segen eines bilderbuchreifen Sonntagswetters. Der Vormittag blieb verregnet und grau, sodass erst am späten Mittag überhaupt an eine Exkursion zu denken war. Klaus H. und Hannah hatten sich vorerst entschuldigt, sodass Klaus R. und ich uns zu zweit auf den Weg machten. Der unweit entfernt gelegene Gothensee bot nach unserer Recherche noch Reste von Mooren und Bruchwäldern, was in Anbetracht der Wetterlage als ein geeigneter Ort für coleopterologische Forschung erschien. Wir parkten unser Auto am östlichen Ortsausgang von Gothen und folgten einem Weg in südlicher Richtung zum Gothensee. Die umliegenden Wiesen hätten abermals zum Kätschern eingeladen, wären diese nicht triefendnass vom anhaltenden Regen gewesen. Nach einer guten Viertelstunde Fußweg entdeckten wir linker Hand erste Sumpfstellen und entschieden, diese genauer in Augenschein zu nehmen (Abb. 6). 


Abb. 6 Sumpfstelle nahe dem Gothensee.


Am schlickigen Ufer stachen uns sogleich schnell huschende Bembidien und Stenen ins Auge. Während Klaus sich den Ufertieren widmete, watete ich – geschützt durch Gummihosen – tiefer durch den Schlamm des Sumpfes, hin zu einigen Seggen-Beständen, welche aufgrund des damals niedrigen Wasserstandes, bis zu den Wurzelhälsen frei lagen (Abb. 7). Auf meinem Weg durch den Morast beobachtete ich zwischen brackigen Wasserpfützen und verwesendem Blattwerk ein zartes grünes Pflänzchen, das Sternlebermoos Riccia fluitans, welches einem Labyrinth gleichend sich aus einer gemeinsamen Mitte heraus immer weiter in die Peripherie verzweigte. Dieses attraktive Lebermoos lebt schwimmend auf der Wasseroberfläche oder untergetaucht, kann – wie an diesem Tag zu beobachten - jedoch auch Landformen ausbilden, die dann weniger gegabelte, breitere Thalli ausbilden. Als ich die Seggen erreicht hatte, schöpfte ich Wasser aus den umliegenden Pfützen, um die Bulten abzuspülen, was neben dem winzigen Limnebius nitidus auch seinen größeren und häufigeren Verwandten Limnebius truncatellus sowie zahlreiche Anacaena globosus und Tanysphyrus lemnae zum Vorschein brachte. Klaus war mit seiner Aufnahme der Uferfauna bereits recht zufrieden, als uns erstes Donnergrollen wieder zum Aufbruch bewog. 


Abb. 7 Klaus R. auf fleißiger Suche nach Uferkäfern.


Gerade noch rechtzeitig konnten wir uns am Auto aus den verschlammten Kleidern und Gummistiefeln pellen, als auch bereits der nächste Regenschauer alle weiteren Exkursionsbemühungen zum Stillstand brachte. Auf dem Rückweg wollten wir es uns nicht nehmen lassen, bei einigen Kopfweiden, die die schmale, holprige Straße nach Heringsdorf säumten, noch einen kurzen Stopp einzulegen. Die mächtigen Stämme waren teilweise vollständig ausgehöhlt, doch das Holz war trocken und bröselig, sodass unser Halt nicht von langer Dauer war. Am selben Tag blieb ein weiterer Spaziergang zum Heringsdorfer Strand aus coleopterologischer Sicht unbelohnt, bot uns jedoch Gelegenheit zu einem gänzlich „touristischen“ Kaffeetrinken am Strand, was jedoch schon bald durch anhaltenden Regen, der für den Rest des Tages nur noch in kurzen Episoden unterbrochen wurde, ebenfalls ein jähes Ende fand.

Ist einem Petrus auch mal nicht wohlgesonnen, muss das für den Coleophilen dennoch nicht zum Hindernis werden. Für den Montag hatten wir uns auf ein Exkursionsziel verständigt, das trotz des feuchten Geländes einige interessante Funde versprechen sollte: die Zerninsee-Senke. Dem See und dem östlich angrenzenden Regenmoor- dem Swinemoor - wurde im vorletzten Jahrhundert durch Entwässerung stark zugesetzt. Trotz ursprünglicher Schutzbemühungen im Jahre 1916 wurde die Trockenlegung während der NS-Zeit weiter vorangetrieben. Nachdem die Vorhaben, aus dem See landwirtschaftlich nutzbares Land zu machen, letztlich doch weitgehend scheiterten, wurde das Gebiet schließlich 1938 unter Schutz gestellt, was in hohem Maße den Bemühungen der beiden Ornithologen Paul Robien und Ulrich Dunkel zu verdanken ist. Zu diesem Zeitpunkt war der Zerninsee bereits zu großen Teilen verlandet und auch das Swinemoor war durch die aufkommende Bewaldung nahezu verloren. Ein letzter Versuch, dem Gebiet doch noch Ackerland abzugewinnen startete 1963 mit der Aufhebung des Schutzgebietsstatus in der DDR, was der Bewaldung des ehemaligen Moores weiteren Fortschritt brachte. Mit der erneuten Unterschutzstellung 1995 sollte die ursprüngliche Moorfläche durch Überstauung wieder in ihren Ausgangszustand überführt werden, was insoweit gelang, dass die Zerninsee-Senke heute das größte Moor auf Usedom darstellt. Noch immer ist das Gebiet von Austrocknung bedroht, da über bestehende Grabensysteme weiter Wasser abgeführt wird. Herauszufinden, was nach dieser bewegten Geschichte noch an Coleopteren im Gebiet zu finden ist, hatten wir uns zum Ziel gesetzt. Nach einer kurzen Irrfahrt, die uns bis nach Polen und wieder zurück führte, erreichten wir unseren Ausgangspunkt unterhalb des NSG Golm. Ein sofortiger Start ins Gelände war uns aufgrund des zunächst anhaltenden Regens nicht möglich und so nutzen wir die kurzen Pausen zwischen den kräftigen Schauern, um am Fuße des Golms nach Xylobionten zu schürfen. Das überwiegend stark durchfeuchtete Holz und auch seine Pilze hielten mit Ausnahme einiger winziger Ciiden nicht viel bereit, doch konnten wir uns am Wegrand über den kleinen botanischen Gruß der Bach-Nelkenwurz (Geum rivale) freuen. Am frühen Nachmittag kündete das Wetterradar keine weiteren Regenfronten an und wir wagten uns in die See-Senke. Von der Bundesstraße 110 führt in nördlicher Richtung ein Weg an der Ostseite der Senke vorbei, der rechter Hand von einem der verbliebenen Wassergräben begleitet wird. An einer vielversprechenden Uferstelle fertigte ich mit Hannah eine größere Schwemmprobe an, indem eine Person mit dem Eimer Wasser schöpfend das Ufer abspülte und die Andere das Schwemmgut mit dem Wasserkescher auffing. Schon im Feld waren zahlreiche Hydroporen, Illybien und andere Schwimmkäfer erkennbar. Was an Klein- und Kleinsttieren darin zu finden sein mochte, konnten wir uns nur ausmalen. Langsam kämpfte sich nach dem vielen Regen auch die Sonne durch und die meisten Wolken verzogen sich. Im Verlauf des Weges lockte uns eine weitere Bruchwaldstelle, die jedoch aufgrund des dichten Lemna-Bewuchses nur mühsam zu untersuchen war. Wir staunten nicht schlecht, über die riesigen Holzmengen, mit denen ein offenkundig über alle Maße fleißiger Biber den parallel zum Weg verlaufenden Graben auf einer Strecke von einigen hundert Metern verschlossen hatte (Abb. 8).

Abb. 8 Am „Bibergraben“.

Das stehende Wasser war stark eutrophiert und eine dichte Algendecke verwehrte jeden Blick in die Wassertiefe. Dennoch waren unter der grünen Oberfläche immer wieder Bewegungen auszumachen, deren Ursprung wir mithilfe des Wasserkeschers auf den Grund gehen wollte. Ein beherzter Stoß in die brackige Brühe förderte sogleich ein Weibchen von Dytiscus marginalis zutage, welches wir nach kurzer Bewunderung wieder ins Wasser zurück entließen (Abb. 9). Weiterhin waren zahlreiche Exemplare von Acilius sulcatus aus dem Graben zu fischen, ein weiterer Dytiscus blieb jedoch aus. Wir spazierten weiter und schwelgten währenddessen in der Vorstellung, der gefangene Dytiscus wäre der D. latissimus gewesen, der wohl beeindruckendste heimische Vertreter dieser Gattung, dessen auch Klaus R. noch nicht habhaft geworden ist. Im nördlichen Teil des Gebiets konnten wir noch die Wasserfeder (Hottonia palustris) bestaunen, bevor wir uns auf den Rückweg machten. Ganz verlassen wollten wir das Gebiet jedoch noch nicht, denn eine gemähte Wiese lud uns zum ausführlichen Sieben ein. Trotz des vielen Regens, der das Schnittgut stark durchweicht hatte, war noch einiges an Käfern zu finden und ehe wir uns versahen, war bereits eine gute halbe Stunde mit Sieben verflogen. Zum Abschied winkte uns noch ein makelloser Weidenbohrer (Cossus cossus) nach, welcher auf seinen im Erdreich vergrabenen Puppenresten sitzend zu bestaunen war. Mit viel Arbeit im Gepäck und dem guten Gewissen, das Beste aus dem Tag gemacht zu haben, fuhren wir zurück nach Heringsdorf - diesmal ohne Verirrungen.


Abb. 9 Dieses Gelbrand-Weibchen hat das Zusammentreffen mit den Coleanern wohl überstanden.


In der Käferei sind zwei Dinge von nicht zu unterschätzendem Wert: eine solide botanische Grundkenntnis und die unerschütterliche Hoffnung auf ein coleopterologisches Rarissimum. Beides veranlasste uns dazu, den einige Absätze zuvor bereits beschriebenen Wiesen zwischen Garz und Kamminke einen weiteren Besuch abzustatten. Während unseres letzten Besuches hatten wir aufgrund der wechselnden Wetterverhältnisse nicht die Gelegenheit, alle Flächen ausreichend zu untersuchen und so blieb nahe dem alten Friedhof eine uns unbekannte Wiese, die solide Bestände des unscheinbaren Zwerg-Filzkrautes (Logfia minima) beherbergte (Abb. 10). In der Hoffnung auf die äußerst seltene Casside, die unter den richtigen Umständen, an diesem Pflänzchen vorkommen mag, griffen wir also ein weiteres Mal zum Streifkescher und machten uns ans Werk. Eine erste Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Pflanze um Pflanze wurde besehen, doch eine Casside – und sei es auch nur irgendeine – blieb nicht zu entdecken. Zuletzt widmete ich mich, da sich das restliche Spektrum der Phytophagen allzu sehr mit den restlichen Wiesen überschnitt, der botanischen Bestandsaufnahme, als Klaus R. an einer Pflanze ein Tier, das einer Cassiden-Larve glich, entdeckte, welches sich jedoch, wie uns zum Hohn, beim Versuch, es zu ergreifen, sogleich fallen ließ und unauffindbar blieb. Da das Wetterradar bereits in absehbarer Zeit wieder Regen vermuten ließ, statteten wir der nahen, wenn auch schon bekannten, Wiese am Ostende von Garz einen zweiten Besuch ab. Einige von Klaus H. dort entdeckte Bovisten konnten uns noch mit einer Fülle von Pocadien erfreuen und Klaus R. fing mit dem Kescher ein winziges Mordellistena-Weib, dessen Identität Stand heute noch ein Rätsel ist. Wie auch schon beim letzten Mal gebot ein Wetterumschwung unserem Trüffeln Einhalt. Der regnerische Nachmittag gab uns jedoch Gelegenheit, dem Naturpark-Informationszentrum im Klaus-Bahlsen-Haus einen Besuch abzustatten, wo es neben einer kostenlosen Ausstellung (inklusive Käfer!) auch Broschüren mit wertvollen Informationen zu den Usedomer Naturschutzgebieten gab (Abb. 11).


Abb. 10 Auf Cassiden-Suche zwischen Kamminke und Garz. & Abb. 11 In der Naturpark-Ausstellung im Klaus-Bahlsen Haus.


Auch Nässe und Kälte auf Usedom frieren die Zeit nicht ein und so war der Mittwoch für Hannah, Klaus R. und mich auch schon der letzte Tag auf der eigentlich so sonnigen Insel. Klaus H. hatte seinen Aufenthalt vor dem Hintergrund eines Wetterberichts, der Aussicht auf Besserung bot, noch verlängert. Als krönenden Abschluss für unsere diesjährige Usedom-Exkursion fiel die Wahl auf die Uferbereiche des Stettiner Haff bei Bossin, welche zu jeder Jahreszeit ein lohnenswertes Ziel sind. Nach einer holprigen Fahrt über Wege, deren Instandhaltungszustand Anlass zur Diskussion geben könnte, erreichten wir die Badestelle nahe Bossin und machten uns am Ufergenist sogleich zu schaffen. Klaus H. hatte von der Arznei-Engelwurz (Angelica archangelica) schon bald einige prächtige Lixus geklopft, während ich von der Wasserseite aus das Ufer nach Stenen und anderen Kleintieren absuchte. Auch einige Exemplare vom Durchwachsenen Laichkraut (Potamogeton natans) brachte ich zur Absuche an Land, aber die Hoffnung auf submerse Tiere blieb vergebens. Als ein botanisches Highlight der aquatischen Pflanzen ist zweifelsohne der Brackwasser-Hahnenfuß (Ranunculus baudotii) zu nennen, der sich einige Meter vom Ufer entfernt, den Gewässergrund mit Laichkräutern teilte. Auch unserer altbekannten und im letzten Jahr bereits äußerst erfolgreich untersuchten Pappelhöhle statteten wir einen Besuch ab, in diesem Jahr aber hatte sie abgesehen von einigen Kurzflüglern nicht viel zu bieten. Im Fortlauf des Nachmittags machten wir uns auf den Weg zu unserem zweiten Ziel für diesen Tag. Bei einer unserer Fahrten über die Insel, hatten wir einige Tage zuvor bereits aus dem Auto eine an die Straße angrenzende Wiese nordöstlich des kleinen Ortes Gummlin ausgemacht, deren Bestände der Ochsenzunge (Anchusa officinalis) ihres Gleichen sucht (Abb. 12). 


Abb. 12 Auf der Wiese bei Gummlin – Fundort von Boragogethes rosenhaueri.


Bei unserer Ankunft schien die Sonne bereits mit voller Kraft und wärmte das reichhaltige Grünland. Zum vorerst letzten Mal für diese Exkursion griffen wir zu den Streifkeschern und machten uns ans Werk. Die Fülle an Rüsslern und Blattkäfern war beeindruckend, das wahre und zunächst ungeahnte Highlight dieser Fläche stellte jedoch ein Verwandter des Brassicogethes aeneus dar. Auf den schier endlos wachsenden Ochsenzungen war der unscheinbare Boragogethes rosenhaueri in Anzahl zu finden. Zu diesem Zeitpunkt ahnte das natürlich noch niemand, doch die Freude beim späteren Blick ins Glas war dafür umso größer. Klaus H. ließ glücklicherweise auch die Wiese auf der anderen Straßenseite nicht außer Acht, welche von der Zottigen Wicke (Vicia villosa) überwuchert war, was zu weiteren Apioniden- und Bruchiden-Funden führte, während die vermutete Oxystoma jedoch unauffindbar blieb. Bevor uns die Sonne zur Gänze durchgebraten hatte, traten wir den Rückweg an und ließen unseren letzten Abend zum wiederholten Mal in unserem Bansiner Stamm-Chinesen ausklingen, wozu Klaus R. großzügig einlud. Auch wenn für das nächste Jahr zu hoffen gilt, dass der Flirt mit Petrus besser ausfällt, steht wohl außer Frage, dass eine Wiederholung der Usedom-Exkursion auch in 2026 für COLEO e.V. Pflicht ist.



Literaturverzeichnis
[1] Dr. Carl Urban. Zur Lebensweise von Bagous binodulus Hbst. Und B. glabrirostris Hbst. 156-126 in Entomologische Blätter 19, 1923.