In Memoriam Edmund Wenzel
(1949 – 2008)

Es muss einer dieser unvergesslichen warmen Sommertage in der Vulkan-Eifel des Jahres 1992 gewesen sein als ich einen etwa gleichaltrigen Herrn in einem auffallend bunten Hawaii-Hemdchen seinen Klopfschirm nach flüchtenden Insekten absuchen sah. Als unerfahrener entomologischer Quereinsteiger näherte ich mich ihm möglichst unauffällig. Einen solchen „Paradiesvogel“ hatte ich unter den vielen passionierten, meistens grau in grau gekleideten Hobby-Entomologen nun wirklich nicht erwartet. „Nur jetzt nicht auffallen“, sagte ich mir.

Zu spät - schon schaute er über den Rand seines Klopfschirms, schob den Exhaustor wie eine Pfeife in den Mundwinkel, und es flog mir entgegen:

„Wer bist du denn?“ und „Kann ich dir helfen?“

Schnell stellte sich heraus: Auch er war Lehrer, aber - einer von der ganz besonderen Art!

Am Anfang war es diese „flüchtige, etwas skurrile Begegnung“, an die ich mich heute noch gerne erinnere – und am Ende, am Ende wurde er ein Teil von mir, ein Teil von uns allen. Damals könnte ich noch nicht ahnen, dass sich daraus eine jetzt im 16. Jahr anhaltende tiefe Freundschaft ergeben sollte. 4 x 4 Jahre, in denen sich mir Edmund von vier völlig verschiedenen Seiten präsentierte.

Edmund war zunächst der, der stets über den Rand seines Klopfschirms sah. Die Käfer waren für Ihn vor allem ein Medium zwischenmenschlicher Begegnungen, kein bloßes akademisches Reputationsobjekt. Er stand damit ganz in der Tradition der Amateurwissenschaften in der Entomologie, der koleopterologischen Arbeitsgemeinschaften, die im Rheinland und Westfalen mit solchen berühmten Namen wie dem Pfarrer Adolf Horion, dem Pater Felix Rüschkamp, Karl Hoch und Klaus Koch oder Hans Gräf, um nur einige wenige zu nennen, verbunden sind. Kein Schüler war vor ihm sicher, kein Quereinsteiger konnte sich seinen leidenschaftlichen Motivationen entziehen. Er riss dich mit, forderte und förderte, betreute, tröstete, blieb in deiner Nähe, wenn du ihn brauchtest. Eben ein Lehrer vom alten Schlag, wie ich ihn mir selbst als Schüler gewünscht hätte.

Edmund verstand es aber auch, das Sammeln und den Besitz von Naturobjekten nicht zum Leichen fleddernden Selbstzweck verkommen zu lassen, sondern in eine höchst effektive wissenschaftliche und naturschützerische Tätigkeit umzusetzen. Vitrinen waren ihm ein Groll – Sammlungsschränke hat er uns („Gott sei es gedankt“) nicht hinterlassen.

Er selbst steht für einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Entomologie. Da war er mit seinen ökologisch-faunistischen Studien zu den Talsperren des Bergischen Lands ganz der wissenschaftliche Profi. Unsere gemeinsamen Studien zur Unterschutzstellung der Holter Heide am Niederrhein legen davon ebenso Zeugnis ab wie seine zahlreichen erfolgreichen Versuche einzigartige Naturreservate im Bergischen Land oder an der Nahe dem Naturschutz zu überantworten. Stets ging er dabei von der Maxime aus: ‚Nur was du kennst, kannst du schützen!’

Edmund wüsste aber auch stets, dass er diese hochfliegenden Pläne nicht alleine zum Abschluss würde bringen können. Edmund war ein geradezu besessener team-player. - Das dritte Quartal unserer gemeinsamen 16 jährigen Reise wurde am 21. Juni 2000 geschrieben: COLEO, die Gemeinschaft für Coleopterologie, ist sein Kind, Teil seines großartigen Lebenswerkes.

In seiner Zeit als Vorsitzender der AG Rheinischer Koleopterologen versuchte er in den Jahren nach 1994 den Muff des „Sammler- und Jägervereins“ abzuschütteln, die entomologische Arbeit z. B. durch Ausstellungen und Rundfunkbeiträge zu modernisieren und für ein interessiertes Publikum zu öffnen. Das war in diesem Umfeld vielleicht zu hoch gegriffen. Gemeinsam legten wir bedingt durch unüberbrückbare inhaltliche und personelle Differenzen 1998 den Vorsitz in der AG Rheinischer Koleopterologen nieder.

Es folgten 2 Jahre der Neubesinnung und die langsam reifende Einsicht Edmund’s: „Jungens, da geht noch was!“. COLEO war gegründet und der „Stiergeborene“ auf der Bühne des Gestaltens zurückgekehrt. Das war jetzt seine Welt, und man sah in häufig wieder in seinen bunten Hawaii-Hemdchen auf den Ahr-, Mosel- und Nahehängen „klopfen und käschern“.

In dieser Zeit lernte ich Edmund von seiner vierten, letzten, und sicherlich aufregendsten Seite kennen. Teilweise von der Krankheit schon gezeichnet wurden die gewonnen Lebenseinsichten und erreichten Leistungen der Jahrzehnte vorher nicht etwa in Frage gestellt, vielmehr wurde die „Käferei“ selbst nun zum Katalysator seiner sozialen Kontakte. Keine einzige Gemeinschaftsexkursion - auf der ihn seine Frau Editha begleitete - ließ er sich nun entgehen. Er selbst wurde zum Initiator großer Reisen der „Gemeinschaft für Coleopterologie“ (wie z. B. nach Süd-Ungarn 2004) und hegte immer neue Pläne und Absichten. Längst waren ihm die Grenzen des Rheinlandes zu eng geworden.

Wir haben am 11. September 2008 einen der großartigsten Gestalter der entomologischen Forschung im Rheinland verloren. Mit dem Namen Edmund Wenzel werden für immer die erfolgreichsten insektenkundlichen Vereinigungen in deutschen Sprachraum verknüpft sein.

Auf uns warten jedoch neue, große Herausforderungen. Wir werden Brücken der Verständigung schlagen, Missverständnisse ausräumen und persönliche Differenzen beilegen müssen, wenn es diese alten traditionsbewussten Vereinigungen in neuem Gewand auch noch in 10 oder 20 Jahren im Rheinland geben soll. Edmund hätte diesen Weg sicher auch noch beschritten, wenn ihm die Zeit dazu geblieben wäre. In diesem Sinne werden wir – und das ist mehr als nur ein Versprechen – sein Lebenswerk fortführen.

Der Familie spreche ich an dieser Stelle mein Beileid aus. Sie hat einen wunderbaren Mann, Familienvater und liebenswerten Opa verloren.

Und wir? – Wir trauern um einen der großartigsten Entomologen des Rheinlandes, von dem wir uns nun verabschieden:

„Leb wohl Edmund und hab Dank für alles, deine Freundschaft, deine Liebe zur Natur, die tiefen Spuren, die du in unseren Herzen hinterlassen hast.“

Liebe Familie, liebe Gäste , liebe Trauernde,

Sie sind zum größten Teil keine Entomologen, fanden vielleicht das ein oder andere, was ich ihnen über Edmund erzählt habe, etwas skurril, mag sein, sogar schwer nachvollziehbar. Wenn dem so ist, dann möchte ich mich mit den Worten Edmunds entschuldigen, die er im Jahre 2005 in seiner „Kleinen coleopterologischen Annekdoten-Sammlung zum Schmunzeln“ dem fragenden Zeitgenossen mit auf dem Weg gegeben hat:

„Der Entomologe“, schreibt dort Edmund, „ist ein Einzelgänger, allenfalls in der Gesellschaft Gleichgesinnter geniessbar, besonders dann, wenn er seine Beute jagt. Dann stört jeder Fremde, allein die Nähe eines Fremden stört, denn der will wissen, was vor seinen Augen geschieht, warum die alten Herren so vorsichtig die Grashalme umdrehen, Steine umwenden, Netze schwingen, im Sonnenschein den Regenschirm aufspannen, dazu ernste Gesichter machen um dann und wann einen Jubelschrei auszustossen, kurz - sie werden Fragen stellen und die Antworten nicht verstehen.“

‚Wir fuhren also hinaus, Karl Dorn und ich, nach Dewitz, einem Dorf in der Nähe von Taucha bei Leipzig; es war Herbst. In Dewitz stand verwilderter Meerrettich in grossen Beständen, an dessen Blättern der Meerrettichfloh lebte. Wir hatten kaum die Käscher aufgesteckt, als auch schon ein Dorfbewohner zu uns trat, uns musterte, als seien wir aus der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik entwichen. Wir warteten, er wartete auch, wir hatten Geduld, er hatte auch Geduld, schließlich aber fragte er:" Was machen Sie dn da?" Dorn:" Wir warten". Lange Pause" Off was warrt’n Sie d’n da?" Dorn: "Wir warten, dass Sie weitergehen!" Lange Pause "Ach so, - sei’s drum." Und dann ging er sinnend davon.“’

Auch Ihnen wünsch ich einen entspannten Heimweg – Dank, dass sie gekommen sind!

Peter E. Stüben,

Rede, gehalten anlässlich der Trauerfeierlichkeiten für Edmund Wenzel am 22.9.2008 in Radevormwald


Publikationen: Edmund Wenzel (1986 – 2006)

Wenzel, E. (1986):Käferkundliche Beobachtungen am Wegesrand.-In: Kolbe, W.: Aus dem Leben der Schmetterlinge, Käfer, Ameisen, Mücken und anderer Insekten,2,42-49

Wenzel, E. (1988):Die Käferfauna des oberbergischen Ülfetals, Teil I.- Jber. naturwiss. Ver. Wuppertal,41,35-52

Wenzel, E. (1989):Die Käferfauna des oberbergischen Ülfetals, Teil II.-Jber. naturwiss. Ver. Wuppertal,42,18-32

Wenzel, E. (1989):Die Pfingstexkursion vom 13. bis 15.5.1989 an die Nahe.- Rundschreiben Arb.gem Rhein. Koleopterologen,66-82

Wenzel, E. (1991):Bericht über die Pfingstexkursion der Arbeitsgemeinschaft Rheinischer Koleopterologen an die Nahe vom 18.-20.V.1991.-Mitt. Arb.gem Rhein. Koleopterologen,1(3/4),100-128

Wenzel, E. (1991):Nachweise bemerkenswerter Käferarten aus dem Bergischen Land.- Mitt. Arb.gem Rhein. Koleopterologen,1(2),35-42

Wenzel, E. (1994):Revision rheinischer Käfernachweise nach dem zweiten Supplementband zu den Käfern Mitteleuropas. Teil IV: Latridiidae, Mycetophagidae (Ins,. Col.).-Mitt. Arb.gem. Rhein. Koleopterologen,4(3), 153-178

Wenezl, E. (1994):Untersuchungen zur Ökologie und Phänologie laubwaldtypischer Koleopterenassoziationen im Bergischen Land bei Radevormwald (Ins.,Col.).-Mitt. Arb.gem. Rhein. Koleopterologen,4(1),7-40

Wenzel, E. (1995):AG INTERN, Informationen aus dem Kollegenkreis 1995.-Mitt. Arb.gem. Rhein. Koleopterologen,5(4),191-194

Wenzel, E. (1995):Vier bemerkenswerte Käfernachweise aus dem Bergischen Land (Col., Sphaeritidae, Staphylinidae, Byrrhidae).-Mitt. Arb.gem. Rhein.Koleopterologen,5(4),198-200

Matern, H. D. & E. Wenzel (1996):Untersuchungen zur Käferfauna (Col.) ausgewählter Landschaftselemente der südlichen Eifel.-Mitt. Arb.gem. Rhein. Koleopterologen,6(2),67-82

Stüben, P. & E. Wenzel (1996):Zur Käferfauna (Col.) eines Ton- und Sandabbau- gebietes im Niederrheinischen Tiefland.-Mitt. Arb.gem. Rhein. Koleopterologen,6(3),135-183

Wenzel, E. (1997):70 Jahre Arbeitsgemeinschaft Rheinischer Koleopterologen Decheniana Beihefte 36,1-12

Wenzel, E. (1997):Die "Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft..." - gestern, heute und morgen.-Mitt. Arb.gem. Rhein. Koleopterologen,7(1),3-6

Wenzel, E. (1997):Die Uferkäferfauna (Coleoptera) der Bever-Talsperre bei Hückeswagen im Bergischen Land Decheniana Beihefte,36,279-350

Wenzel, E. (1998):AG Intern, Informationen aus dem Kollegenkreis. Überreichung des Rheinlandtalers an Dr. Wolfgang KOLBE.-Mitt. Arb.gem. Rhein. Koleopterologen,8(2),59-72

Wenzel, E. (1998) :Die Käfer der Bevertalsperre - eine unbekannte Seite eines bekannten Gewässers.-Leiw Heukeshoven, Mitteilungsblatt des BGV - Abt. Hückeswagen,37,58-68

Wenzel, E. (1999):Peter Eigen - Insektenforscher aus Leidenschaft.-Leiw Heukeshoven, Mitteilungsblatt des BGV - Abt. Hückeswagen,38,49-51

Wenzel, E. (1999):Koleopterologische Bestandserhebung im Naturschutzgebiet "Steinbruch Hofermühle-Süd" bei Heiligenhaus (Ins.,Col.).-Gutachten für Heiligenhauser Verein für wissenschaftliche Naturschutzpatenschaft e.V.,75 S.

Wenzel, E. (2000):Der Maikäfer - Die Wahren Herrscher-Wissenswertes aus der Welt der Wirbellosen.-Fuhlrott-Museum Wuppertal,95-96

Wenzel, E. (2000):Hirschkäfer-Schutzprogramm, Tipps und Anmerkungen zum Schutz des Hirschkäfers.-COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie, Sonderheft,10 S.

Wenzel, E. (2001):Erfassung und Schutz eines Hirschkäferbestandes im Vogelsangbachtal bei Heiligenhaus (Ins.,Col.Lucanidae).-COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,2,15-26

Wenzel, E.(2001):Waldameisen finden Käfer zum Reinbeißen - Käfer als Beute der Waldameisen.-COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,2,27-31

Wenzel, E.(2001): Aleochara bellonata Krása, 1922 - neu für die Bundesrepublik (Insecta, Coleoptera, Staphylinidae). - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,2,32-34

Wenzel, E.(2001): Coleo intern. Frühjahrsexkursion an den Heimberg am 12. und 13. Mai 2001. - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,2,37-46.

Wenzel, E.(2001): Coleo intern. In Memoriam Werner Lappann. - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,2,67-68.

Wenzel, E.(2002): Anmerkungen zur Koleopterenfauna des Lampertheimer Waldes in Südhessen (Ins., Col.). - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,3, 27-43.

Wenzel, E.(2002): Besprechung der CD „SNUDEBILLER 3 - Studies on taxonomy, biology and ecology of Curculionoidea". - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,3, 44-47.

Scharf, S. & Wenzel, E.(2002): Anmerkungen zum Vorkommen von Strophosoma sus Steph. 1831 im Niederrheingebiet (Ins., Coleoptera, Curculionidae). - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,3, 49-52.

Wenzel, E. & Hannig, K.(2002): Bemerkenswerte Käfernachweise auf dem Heimberg bei Schloßböckelheim an der Mittleren Nahe (Ins., Coleoptera). - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,3, 53-90.

Wenzel, E.(2002): Anmerkungen zur Käferfauna des NSG

"Alter Rhein bei Bienen-Praest". - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,3, 50-67.

Wenzel, E.(2003): COLEO intern. Kleine Adenau - Exkursions - Nachlese. - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,4, 68-71.

Wenzel, E.(2005): Anmerkungen zur Ausbreitung von Epuraea ocularis, Fairmaire 1849 in der Bundesrepublik ( Ins., Col., Nitidulidae). - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,5, 6-9.

Wenzel, E.(2005): Zu schade, um vergessen zu werden - kleine coleopterologische Anekdoten zum Schmunzeln.Teil 1: Erinnerungen von Karl-Heinz Mohr. - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,6, 34-36.

Wenzel, E.(2005): Koleopterologische Bestandserherbung im Schloßpark Düssseldorf-Benrath mit dem Schwerpunkt der Erfassung xylobionter und xylophiler Käferarten (Ins., Coleoptera). - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,6, 41-49.

Wenzel, E.(2005): Die COLEO-Jahreshauptexkursion in die Pfalz vom 26. bis zum 29. Mai nach Eppenbrunn. - COLEO-Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie,6, 65-70.

Wenzel, E.(2006): Koleopterologische Bestandserhebung im aufgelassenen Steinbruch Hofermühle-Süd bei Heiligenhaus (Insecta: Coleoptera). Beitrag zur Kenntnis der Käferfauna des Niederbergischen Landes,7, 10-26.

(zusammengestellt von Peter E. Stüben)

Fundort: N51°12'14.36" E07°20'25.64"