Coleo

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47-56

2004

ISSN 1616-3281


Masuren

Entomotouristische Impressionen - ein Reisebericht

Gerhard Katschak, Kleve

Eingegangen: 22. Dezember 2004, in veränderter Form: 3. Januar 2005

Im WWW publiziert am: 16. Januar 2005

Abstract

Masuren – a travel report including entomological notes during a one week stay in north-eastern Poland,  july 2001.



Zusammenfassung

Masuren –  ein Reisebericht mit entomologischen Anmerkungen anlässlich eines einwöchigen Aufenthaltes im Nordosten Polens im Juli 2001.


I.  Vor der Reise – Vorbereitungen

Eine erste, noch eher unbewusste Einstimmung auf diese nordöstliche Landschaft, entstand beim wiederholten Betrachten der Lücken in meiner Käfersammlung! Wie oft hatte ich mich schon über diese leere Stellen geärgert, die auch nach nunmehr drei Jahrzehnten Sammeltätigkeit immer noch als weiße Stellen hervorstachen! Dort waren so „sagenhafte“ Arten wie: Chlaenius quadrisulcatus und costulatus, Dytiscus latissimus, Hylecoetus flabellicornis und weitere östliche Raritäten vorettiketiert.  Bei der Suche nach Fundorten dieser Arten in verschiedenen Faunistikwerken u. a. im „Horion“ und im Verzeichnis der Käfer Preußens von Dr.  Hans Bercio standen immer wieder Fundortsangaben wie: Ostpreußen – Nordostpolen.  Besonders in diesem Käferverzeichnis Preußens gibt es eine Vielzahl von Fundorten, teils mit deutschem Namen, teils in Polnisch.  Hier findet man auch viele Angaben zu den erwähnten Käferseltenheiten.  Nach dem Studium verschiedener Landkarten Osteuropas, Polens und historischer Karten Ostpreußens konnten die meisten Orte im heutigen Polen wiedergefunden werden.

Die nun immer stärker werdende Idee einer Polen, bzw.  Masurenexkursion wurde noch durch den Umstand verstärkt, dass sich zahlreiche Geburts- und Lebensstätten einiger Vorfahren väterlicherseits in diesem Gebiet liegen.  In der Umgebung von Neidenburg, polnisch Nidzica hatten die Urgrosseltern gelebt und lange als Handwerker gearbeitet.  Ein weiterer Grund also diese Vorväterorte einmal zu besuchen, zumal solche Reisen  in der heutigen Zeit problemlos  durchgeführt werden können!

So wurde die Idee nun zur Realität und in den Wintermonaten 2001 ging es an die konkrete Vorbereitung.  Zunächst ist der Nordosten Polens ja in den letzten Jahren, nicht zuletzt durch den Nostalgietourismus ehemaliger deutscher Bewohner zu einem touristisch erschlossenen Gebiet geworden;doch dies gilt eher für den organisierten Pauschaltourismus mit Bus- und Bahntouren und ständigem Ortswechsel unter Reiseleiterführung! Diese Art schwebte mir nun nicht gerade vor, zumal aus entomologischer Sicht dann für Beobachtungs- und Sammeltätigkeit kaum Zeit bleibt. Also musste ein Individualplan erstellt werden, der den Wünschen eines Käfersammlers einerseits, und den Anforderungen eines kulturellen Beiprogrammes andererseits gerecht wurde.  Die Anreise ins Zielgebiet konnte erfreulich schnell geregelt werden. Anders als in den vergangen Jahren, in denen eine private Anreise nur sehr umständlich über zeitraubende Bahnfahrten mit mehrmaligem Umstieg, komplizierten Grenzformalitäten und mühsamer Suche nach (überteuerten) Unterkünften organisierbar war, geht heute in den Sommermonaten eine regelmäßige Flugverbindung von Dortmund aus in die Masuren. Die Turboprop-Maschinen, City-Hopper, brauchen nur knapp zweieinhalb Stunden für die ca. 1300 km bis zur Landung in Schimanen (pol. Szymany), einem kleinen Militärflughafen unweit der Stadt Ortelsburg (pol. Szczytno). Wie es der Zufall will, ist diese Stadt auch der Sitz des schon erwähnten Dr. Bercio gewesen, der von hier aus die Käferfauna Ostpreußens untersucht hat. Durch die heutzutage also mögliche bequeme Anreise und formlose Grenzformalität (die übrigens besonders mein Reisebegleiter zu würdigen weis, der zwar im Besitz eines gültigen Personalauses, aber mit einer behördenseits falschen Auskunft versehen, einreisen durfte, unvorstellbar noch vor wenigen Jahren!) war dieser Teil der Vorbereitung schnell erledigt. Als Begleiter war mein langjähriger Freund und Sammelkollege Siegmund Scharf, Bocholt, rasch gewonnen, der Reisezeitraum in einer Sommerferienwoche 2001 festgelegt und eine Unterkunft in Ortelburg durch ein Reiseunternehmen, dass sich auf Osteuropareisen spezialisiert hat, für diese Woche gebucht. Da auch für ausreichende Beweglichkeit vor Ort gesorgt werden musste, wurde ein Mietwagen zum Flughafen bestellt, der uns die gesamte Zeit in Polen zur Verfügung stand und uns nie im Stich gelassen hat. Dabei hat uns auch sicher der Umstand geholfen, dass unser Wagen ein polnisches Kennzeichen hatte und somit in Zeiten des Unbewachtseins (beim Parken in freier Wildbahn) für etwaige Autodiebe scheinbar kein lohnendes Ziel darstellte. Im folgenden Reisebericht soll weder ein kritischer Bezug zur Käferfauna Ostpreußens nach Bercio hergestellt werden, noch eine detaillierte Bestandsaufnahme der Käfer Masurens gegeben werden. Dies ist aus vielen nahe liegenden Gründen nicht möglich und auch nicht Ziel dieser Zeilen. Mir geht es um die Darstellung einiger klassischer Fundgebiete aus entomologisch – beobachtender Sicht, mit Ergänzungen aus dem touristisch-kulturellen Bereich. Wer mehr zum historischen Hintergrund der Käferkunde in Ostpreußen erfahren möchte, der sei auf das schon erwähnte Werk „Verzeichnis der Käfer Preußens“ hingewiesen, bearbeitet und kritisch durchgesehen, sowie ergänzt bis in die 70er Jahre durch Bronislaw Folwaczny, Bad Hersfeld.

Ein grosses Manko der Vorbereitung lag darin, dass man keine aktuellen oder entomologisch einschlägigen Informationen bekommen konnte. So war aus dem mir zugänglichen Entomologenkreis kein brauchbarer Hinweis auf Sammelorte und lohnende Biotope zu bekommen, Dies bedeutete natürlich vor Ort eine auf Zufall aufgebaute Auswahl von Untersuchungs- und Beobachtungsstellen, dies hat Vor- und Nachteile. Vorweg sei noch bemerkt, dass die klassischen Sommermonate (Juli/August) wohl nicht ideal für entomologische Beobachtungen sind. Einerseits sind viele Käfer in der Sommer-Diapause, andererseits ist dasWetter (wovon wir uns leider selbst überzeugen konnten) im Gegensatz zum Märchen vom stabilen, kontinentalen Sommerhoch, recht wechselhaft mit häufigen starken Niederschlägen und Gewittern. Das Jahr 2001 war jedenfalls so und wer erinnert sich nicht an die Fluten des Jahres 2000? Sicher sind aus entomologischer Sicht Frühjahr und Herbst interessanter! Für die weitere Vorbereitung musste noch an aktuelles Kartenmaterial gedacht werden (besser in Deutschland zu besorgen!), an Filmmaterial und natürlich die entomologische Grundausstattung! Auf den beigefügten Karten (Abb. 1, 2 und 3) wird das Gebiet grossräumig (1), historisch (2) und auf einer Euro-Regionalkarte (1:300.000) gezeigt. Ebenso darf nicht unerwähnt bleiben, dass viele in der Literatur genannte Landschaften wie Heiden, Moore und Seen heute nicht mehr in der Form existieren, in der sie vor 30 – 50 Jahren waren. So sind viele Heidegebiete und Sandflächen durch grossflächige Aufforstungen verschwunden und oft nur noch im Unterholz an verstreuten Juniperus-Beständen zu erkennen! Dies gilt besonders für die in der Literatur oft erwähnte, berühmte  „Johannisburger Heide“, ein riesiges, vielfach noch zusammenhängendes Areal einförmiger Kiefer- und Fichten Monokulturen!

 

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Abbildung 1: Lage Masurens im Nordosten Europas

 

Abbildung 2: Historische Karte Ostpreußens (aus Verzeichnis der Käfer Preußens, Bercio) mit rot markierten, koleopterologisch interessanten, während der Reise besuchten Orten.

 

Abbildung 3: Ausschnitt aus der aktuellen Strassenkarte Nordostpolen, Umgebung Ortelsburg (pol. : Szczytno). 1 : 300.000.

Interessant ist ein Vergleich dieses Kartenausschnittes mit einem ähnlichen aus dem Jahre 1930 (Abb. 4), der auf einer historischen Karte, basierend auf deutscher Katografie mit polnischen Ergänzungen, umfangreiche Waldgebiete in der näheren Umgebung von Ortelsburg zeigt. Diese sind aber heute (2001) weitgehend reduziert, parzelliert und als Wirtschaftswald umgewandelt!

Abbildung 4: Umgebung von Ortelsburg um 1930.

Nach diesen Vorbereitungen starteten wir am 7. Juli 2001 vom Flughafen Dortmund mit erwähnter Turboprop, teilweise gültigen Reisedokumenten, voller Erwartungen und gutem Bordservice in Richtung Masuren.

II. Reisebericht    -   Beobachtungen und Eindrücke in Masuren

 

 

Abbildung 5: Unser „Flieger“ in Dortmund

Bei schönem, sonnigen Wetter und ruhigem Flug erreichte unsere Flieger (Abb. 5) am frühen Nachmittag den „Internationalen Flughafen“ Masuren in der Nähe der Siedlung Schimanen (pol.: Szymany). Ersparen möchte ich dem Leser die Schilderung des schon während des Fluges auffallend unangenehmen Verhaltens einiger deutscher Fluggäste, die dadurch einige der polnischen Vorurteile gegen „Nostalgietouristen“ der negativen Art vollauf bestätigten. Leider konnten wir diese Beobachtung auch später in unserer Unterkunft machen, wobei wir Mühe hatten diesen „Landsleuten“ bei Einladungen zu abendlichen Tischgesprächen mit dem Thema „Vergangenheit“ zu entkommen! Soviel zu diesem Thema!

Der Flug ging in der letzten halben Stunde über die berühmte Landschaft Ostpreußens: riesige Waldgebiete mit hunderten grosser und kleinerer Seen mit von oben kaum sichtbaren Anzeichen grösserer Siedlungen. Am Flughafen angekommen, der nur aus zwei kleinen Gebäuden besteht, einem Ankunfts- und Abfluggebäude mit einem Gemisch aus nagelneuem Inventar und uraltem Militärmaterial, wurden die Einreiseformalitäten und die Gepäckausgabe schnell von Hand erledigt. Das Problem mit dem abgelaufenen Personalausweis meines Reisebegleiters Siggi (Personalausweise sind nur in einer Entfernung von höchstens 300 km von der deutschen Grenze gültig,warum auch immer) wurde nach kurzer Beratung unbürokratisch mit einem Stempel erledigt. Draussen wartete schon unser Mietwagen und nach kurzer Orientierung ging es auf die kurze Strecke zur Kreisstadt Ortelsburg. Das Wetter spielte mit, bis zum Abend Sonnenschein bei sommerlichen Temperaturen! Das Hotel, ein umgebautes ehemaliges Forsthaus (Abb. 6) war schnell gefunden.

Abbildung 6: Das Ortelsburger Basislager

Die Einzelzimmer waren funktionell eingerichtet und entsprachen durchaus gehobenen Ansprüchen (wenn man die denn braucht). Am frühen Abend des Anreisetages blieb noch Zeit für eine kurze koleopterologische Stichprobe am Ortelsburger See, dessen Ufer an vielen Stellen aber verschmutzt ist und der laut Angaben aus der Literatur ökologisch tot sein soll (Abb. 7).

Abbildung 7: Der Ortelsbuger Stadtsee mit Burg

Jedenfalls wird er von Einheimischen zum Baden, Rudern und Segeln genutzt – einige Gaststätten sind direkt am See gelegen und nur wenige Stellen sind noch mit Schilf und natürlicher Ufervegetation bedeckt. Bei untergehender Sonne konnten wir hier an Schilf unsere erste koleopterologische Beobachtung registrieren: Hypodamia tredecimpunctata in grosser Anzahl – ein Beginn! Da im Hotel auch eine Restauration angeschlossen war, klang dieser erste Abend bei typisch polnischen Gerichten und empfehlenswertem Bier, aus.

Ortelsburg (pol.: Szczytno), die 25.000 Einwohner zählende Kreisstadt im Nordosten Polens, ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, besitzt das Masurische Museum, eine restaurierte Burganlage (Abb. 7) und ansonsten die ganz normale Infrastruktur einer Kleinstadt. Interessant ist für den Besucher aus dem Westen die typische Zusammensetzung der Baustruktur in der Stadt, die sich auch auf alle grösseren und kleineren Orte und Städte übertragen lässt, die wir besuchen konnten. Ein Drittel aller Gebäude etwa lässt noch die alte deutsche Vorkriegsbauweise und Fassadenstruktur erkennnen, dies allerdings in fast allen Stadien des Zerfalls – ein weiteres Drittel ist neue, nüchterne, sozialistische und somit recht funktionelle Bauweise, insbesondere offizielle Gebäude, Reihenhausanlagen und Wohnblocks und das letzte Drittel zeigt sich als hochmoderne, typisch westliche „Architektur“ in der Fastfood-

Restaurants, Einkaufzentren, Exklusivläden und neue Hotels einen krassen Gegensatz zu den beiden ersten Dritteln bieten. Diese „Dreiteilung“ konnten wir in den kleinsten Orten ebenso wie in den grösseren Städten ( Allenstein und Elbing ) beobachten.

 8. Juli 2001 – der erste Exkursionstag – Ortelsburg und Umgebung

Frühmorgens Start der beiden Exkursionsteilnehmer zur Erkundung der näheren Umgebung!

Abbildung 8: Das Expeditionsteam: Siggi Scharf und Gerhard Katschak

Erstes Ziel war ein grosser, älterer und daher schon in fortgeschrittener Sukzession befindlicher Kahlschlag am Ortsausgang von Ortelsburg mit wasserführenden Gräben, Gebüschrändern und blütenreichen Waldwiesen. Hier schon trat nach einer Stunde die grosse Ernüchterung ein, die wohl angesichts einer solch weiten Distanz von unserer westlichen Heimat den erwartungsvollen Koleopterologen befällt, wenn er die Ausbeute seiner Beobachtungen zusammenfasst: Genau wie zu Hause! Alles alte Bekannte! Wo sind die sagenhaften oder einfach nur neue, unbekannte Arten? Jetzt erst versteht man erst richtig die Aussage des berühmten Käfersammlers und Forschungsreisenden Bodo von Bodenmeyer : “Die Käferfauna in Richtung Osten gleicht auf viele tausend Kilometern der des Westens bis auf wenige Ausnahmen! Die Artendichte nimmt ab, die Individuendichte aber zu!“ Er muss wohl gewusst haben wovon er redet, da er bis Zentralsibirien umso viele Kilometer weiter nach Osten Beobachtungen machen konnte! Aber bei unserem bescheidenen Einblick in diese Problematik zeigte sich genau dieses Phänomen: kaum geänderte Artenzusammensetzung bei ähnlichen Biotopen wie im Westen bei abnehmender absoluter Artenzahl und zunehmender Individuendichte! Am Vormittag dieses heissen Sommertages konnten in den geschilderten Biotopen folgende Arten festgestellt werden: Auf Gebüsch, Blüten und niederer Vegetation: Chrysomela populi und vigintipunctata, häufig auf Weiden und Pappelausschlag; Agelastica alni, Altica lythri, Asiorestia transversa, Psylliodes napi auf Wiesenpflanzen; an Bockkäfern erstaunlich wenige Arten (wahrscheinlich schon zu spät! ): Strangalia quadrifasciata, Pseudovadonia livida, Strangalia melanura und attenuata; aus und an Gräben und kleinen Fließgewässern: Gyrinus substriatus, Laccobius minutus, Helophorus minutus und flavipes, Haliplus ruficollis und Ilybius fuliginosus. Weitere Nachweise am Gewässerrand: Notaris acridulus, Rhinoncus castor und bosnicus, Curculio salicivorus, Hypodamia tredecimpunctata, Propylea quatuordecimpunctata, Stenus cincindeloides, Prasocruris phelandri, Agelastica alni, Altica lythri, Lebia chlorocephala.

Gegen Mittag wurde ein Trockenrasengebiet, Ruderalflächen (Abb. 9) und Waldränder

in der Nähe von Wielbark/Willenberg untersucht. Die Käferfauna dieser Fläche war ausgesprochen vielfältig, allerdings ohne die erwarteten Raritäten! Hier fanden sich: Psylliodes cucullata in Anzahl, Subcoccinella vigintiquatuorpunctata, Galeruca tanaceti (in ungeheueren Mengen geradezu das Charaktertier ganz Masurens vom Haff bis in die Kieferwälder! ), Labidostomis longimana, Cryptocephalus sericeus, moraei, flavus, Chrysolina varians, hyperici, geminata an Johanniskraut in grosser Zahl, Asiorestia transversa, Psylliodes napi, Chaetocnema aridula, Longitarsus pellucidus, Cassida denticollis. Diese Arten wurden auf niedriger Vegetation, Gräsern und Blüten beobachtet. Auf den sandigen Böden lief: Calathus fuscipes, erratus und micropterus, Harpalus rufipes, tardus, rufipalpis und smaragdinus, Lebia crux-minor, Dromius linearis, Broscus cephalotes, Cincindela campestris und hybrida, Amara similata, curta und praetermissa. Im Überrgang zum Waldrand fanden sich unter Moospolstern offenbar in Sommer-Diapause,  die einzigen Carabus Arten, die wir auf unserer Exkursion feststellen konnten: Carabus arvensis, hübsch gefärbt, in der typischen Stammform und Carabus glabratus. Offenbar ist diese Jahreszeit (wie zu erwarten) für die Beobachtung von Carabus Arten unbefriedigend! Allerdings scheinen diese Arten,  zumindest heute im allgemeinen recht selten und vereinzelt vorzukommen, da wir auch später in den tiefen Forsten um Ortelsburg, wo es im Waldmoos und Stubben tausendfache Unterschlupfmöglichkeiten für Grosscaraben gab, nur ganz vereinzelt Carabus fanden! Am Waldrand hielt sich auf den Ästen der Randbäume lediglich Dromius agilis auf, in der Nadel- und Blattstreu fand sich Notiophilus germinyi. Über die Sandflächen schwärmte Anomala dubia in einer wunderschönen tief-violetten Form, des weiteren: Trichius fasciatus, Cetonia aurata, Omaloplia ruricola.

An Rüsslern zeigten sich Hypera arator, Gymnaetron pascuorum, Acanaphodus onopordi, Perapion violaceum und am Waldrand auf Kieferästen: Hylobius abietis und Pissodes pini. Auf Sandboden lief Coniocleonus hollbergi, auf den Trockenpflanzen hielten sich Tychius picirostris, Sitona griseus, Zacladus geranii, Orchestes ermischi, Cionus nigritarsis, Sibina pellucens, Phylobius maculicornis, Trichosirocalus troglodytes auf. Unter Rosetten: Othiorrhynchus ovatus, Strophosoma capitatum und faber. An Diversa zeigten sich: Ampedus sanguineus (auf Kiefern), Agrypnus murinus, Hemicrepidius niger, Selatosomus aeneus, Olibrus corticalis, Chilocorus renipustulatus, Philonthus lepidus, Quedius molochinus denudatus, Anisotoma castanea (in Staubpilzen), Lygistopterus sanguineus, Byrrhus pustulatus, Morychus aeneus, Notoxus monocerus, Oedemera femorata und lurida, Lagria hirta, Trachys minuta, Melanimon tibiale und Dolichosoma lineare.

 

Abbildung 9: Ruderal-und Trockenflächen bei Willenberg/Wilbark

Am Ufer der Rekonica, einem kleinen Fluß auf dem Weg nach Jedwabno/Gedwangen,  konnten wir bei kurzer Inspektion Donacia bicolor und marginata  feststellen. Hier, in der Nähe eines kleinen Weilers, begrüssten uns ein Storchenpaar, das auf einem hohen Mast in Strassennähe seinen Nachwuchs versorgte. Störche konnten wir auf unserer Reise in grosser Zahl beobachten, geradezu das Charaktertier der Wiesen und Weiden Masurens!

Am späten Nachmittag wurde eine Sandgrube in der Nähe von Jedwabno mit ausgedehnten Thymianpolstern untersucht, hier fanden wir: Barynotus obscurus, Bembidion pygmaeum in der hübschen Variation bilunulatum! Dazu Stenus atratulus und flavipes. In grosser Anzahl frass hier Galeruca pomonae an der Thymianblättchen. Unter den Polstern fand sich auch noch Dyschirius angustatus!

Auf dem abendlichen Rückweg konnte noch ein kurzer Blick auf Seeufervegetation bei Jurgi geworfen werden. Der hier gelegene (historisch) “Mühlenteich“ (Abb. 10) wurde schon vorsorglich  zur Untersuchung auf Wasserkäfer ausersehen. Mit seiner reichen Wasserflora, bzw. Schwimmblattvegetation (Seerose, Teichrose, Krebsschere usw.) zeigte sich dieser Teich, wie so viele andere in Masuren, in typischer, naturbelassener Art. Hier wurde uns die Schönheit der masurischen Landschaft beim Sonnenuntergang über diesem traumhaften See erst richtig bewusst!

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Abbildung 10: „Mühlenteich“ bei Korpellen/Karpel

2. Tag:  9. Juli 2004 – Allenstein/Olsztyn

Nach heftigem, nächtlichen Gewitter und Temperatursturz,  war das 50 km entfernte Allenstein, die Bezirkshauptstadt der Region, unser nächstes Ziel. Somit sollten bei regnerischem Wetter und Temperaturen um 15 Grad heute kulturelle Aspekte im Vordergrund stehen. Auf dem Weg zur Stadt lud aber schon bei der Hinfahrt ein traumhaft gelegener See, etwa 10 km von Allenstein entfernt, zur koleopterologischen Analyse ein. Der relativ grosse Klebarski-See wird von dichter Ufervegetation umgeben, hat steile Sandhänge (bis zu 20 m hoch) die gegen den umgebenden Kieferwald fast senkrecht aufsteigen. Hier flog Cincindela hybrida in Anzahl! (Abb. 11).

 

Abbildung 11: Düne bei Klewki, Klebarski-See

Der See ist teilweise durch einen Wanderweg umrundbar und konnte von uns an interressanten Stellen im Bereich der Ufervegetation erkundet werden. Hier beobachteten wir an Dytisciden: Ilybius subaeneus, fenstratus, ater und guttiger, Agabus sturmii, Hydaticus transversalis, Hygrotus inaequalis, Coelambus impressopunctatus, Noterus crassicornis. Des weiteren: Donacia vulgaris, bicolor, marginata und cinerea, Malachius viridis, Hydrochus carinatus, Limnebius parvulus, Cyphon pubescens, Enochrus testaceus, Helophorus aquaticus fanden wir im Sumfgebiet, ebenso wie die Rüssler Bagous glabrirostris und Hypera adspersa. Auf Dünensand lief Synuchus vivalis, auf Mentha äste Chrysolina polita.

Nach dieser Inspektion, die aufgrund von Regenschauern verkürzt werden musste, war gegen Mittag Allenstein erreicht. Das Zentrum der Region Ermland-Masuren hat heute über 100. 000 Einwohner und ist Ausgangspunkt zahlreicher Touren in die waldreiche Umgebung. Daher ist die Stadt auf Tourismus eingestellt. Die deutschsprachige Bevölkerung ist nach dem Krieg fast völlig verschwunden, aber Deutsch wird als Sprache trotzdem noch vielerorts verstanden, wenn auch nicht immer gerne gehört! Wir konnten uns jedenfalls oft in unserer Heimatsprache verständigen, ansonsten half Englisch! Bei tristem Regenwetter nutzten wir die kleinen Regenpausen für eine kurze Stadtbesichtigung. Die Altstadt und viele Bauten aus der Vorkriegszeit sind gekonnt restauriert, wenn auch hier die schon erwähnte “Dreiteilung“ wieder deutlich ins Auge fiel: Neben einer liebevoll wiederhergestellten Kirche aus der Vorkriegszeit ein hypermodernes Fastfood-Restaurant! Ein Kurzbesuch in einem Antiquariat konnte auch Sigge numismatisch zufrieden stellen. An dieser Stelle  sei ihm ausdrücklich gedankt, da er während der gesamten Zeit unseren Wagen fuhr und ich ihm lediglich als (nicht immer erfolgreicher) Kartenleser bescheidene Dienste leisten konnte!

Die folgenden Fotos zeigen einige Impressionen Allensteins: Burg (Abb. 12), Altstadt (Abb. 13) und eine der vielen Kirchen (Abb. 14).

 

Abbildung 12 : Allenstein: Burg

 

Abbildung 13 : Allenstein: Altstadtzeile

Abbildung 14: Allenstein, Zentrum: Kirche

Am frühen Nachmittag, auf der Rückfahrt nach Ortelsburg, wurde nochmals kurz bei Klewki am schon erwähnten See gekäfert, allerdings wegen aufkommendem Starkregen mit mässigem Erfolg. Während des Tages wurde auf zeitraubende Nahrungszufuhr weitgehend verzichtet, für die notwendige Flüssigkeit wurde ein grosser Vorrat Mineralwasser im Kofferraum mitgeführt! Gott sei Dank hatte unsere Unterkunft eine gut geführte Küche mit einheimischen Gerichten, so dass nach diesem eher feuch-kühlen Tag ein kulinarischer Ausklang nach Maß folgte! Pfifferlinggerichte und Wild aus der pilz- und waldreichen Umgebung, sowie das berühmte Nationalgerich Bigosch, eine vorzüglich schmeckendes (grausam anzusehendes) Gemisch aus Sauerkraut, Wurst, Pilzen, Hühner- und Schweinefleisch,  mit Sahne angerichtet! Wen wundert`s, dass da manchmal zwei Portionen gerade ausreichten, den gröbsten Appetit zu stillen! Auf dem Markt in Ortelsburg konnte man sich vom Reichtum der umliegenden Wälder überzeugen:Pilze in Hülle und Fülle, besonders Pfifferlinge wurden angeboten, dazu Himbeeren und Waldbeeren in erstklassiger Qualität. All dies wurde für Einheimische zu einem durchaus erschwinglichen Preis angeboten, aber sobald ein Händler merkte, egal ob jung oder alt, das ein Tourist Interesse zeigt, schnellte der Preis um ein Vielfaches in die Höhe! Trotzdem waren die zwei Kilo Pfifferlinge, die ich schliesslich einer älteren Dame abkaufte ein in der Heimat freudig begrüsstes Mitbringsel.

3. Tag  10. Juli – Kleine Masuren-Rundfahrt

Der Wetterbericht (soweit dem polnischen TV-Program entnehmbar) verhies für diesen Tag nichts Gutes: Dauerregen bei niedrigen Temperaturen. Also musste kurzfristig von allen käferspezifischen Programmpunkten auf kulturell-touristisch umgeschaltet werden. Wir starteten mit regenfester Kleidung und Gummistiefeln bewaffnet zur Erkundung der näheren und weiteren Umgebung, zunächst in Richtung Bischofsheim/Biskupiec und Sensburg/Mragowo. Diese zwei Kleinstädte konnten im immer stärker werden Regen leider nur aus dem Wageninneren besichtigt werden. Gegen Mittag erreichten wir dann das sagenhafte Nikolaiken (auch bei Bercio oft genannter Fundort seltener Käferarten), polnisch Mikolajki. Wie schön muss dieser Ort und die traumhafte Seenlandschaft bei gutem Wetter aussehen! Leider hatten wir dieses Glück nicht! Kurz vor der Stadtgrenze passierten wir rechter Hand das neue (abschreckend grosse) First-Class Hotel Golebiewski mit vielen hundert Zimmern! Über die Brücke, die an einer schmalen Seestelle in den Ort führt, konnten wir im Regenschleier die Dampferflotte und Ausflugsboote sehen, die von hier aus den Nikolaikensee und den Spirdingsee befahren! Ca. 4000 Einwohner zählt der beliebte Touristenort und besonders hier wird das fast schmerzhaft anmutende Nebeneinander der

 

 

Abbildung 15: Stadtwappen von Nikolaiken

unterschiedlichen Baustile deutlich. Im Zentrum stehen dicht nebeneinander hochmoderne Boutiken, die Bernsteinschmuck und andere ortsübliche Touristenartikel anbieten, grell beleuchtet, klimatisiert und pikfein! Daneben, nur wenige Schritte in die Seitengassen zeigen sich ganz andere Behausungen, auf ihre Weise nicht weniger eindrucksvoll (Abb. 16)!

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Abbildung 16: In den Seitengassen von Nikolaiken

Dazwischen mehr oder weniger gut erhaltene Gebäude mit offiziellem Charakter: Rathaus, Bank und Gemeindehaus aus sichtbar deutscher Zeit. Trotz unaufhörlicher Regenschauern waren jede Menge Touristen im Ort unterwegs, so dass wir nach kurzer und gezielter Suche nach Bernstein-Inklusen (wenig erfolgreich!) den Ort in Richtung Rudzianny/Rudciane-Nida verliessen. Das einzige Entomon aus dieser Region war eine einsame Amara familiaris, die aber gerade deshalb einen Ehrenplatz in der Sammlung bekommen soll! Auf dem Rückweg nach Ortelsburg ging die Fahrt über Ukta/Alt-Ukta und Stare Kielbonki/Alt-Kielbonken auf der Landstrasse 601 durch malerische Ortschaften, die hier in ihrer farbigen Holzbauweise ihren eigenen Reiz bewahrt haben. Dies gilt besonders für die Gegend um den Ort Krutyn, an dem gleichnamigen Flüsschen gelegen, dem wir am letzten Exkursionstag einen Besuch abstatten wollten! Rechts und links der Landstrasse lagen zwischen lanswirtschaftlich genutzen Weiden und Wiesen, zahlreiche kleine und grosse Teiche mit üppiger Randvegetation. Eine kurze Regenpause erlaubte uns die Inspektion eines solchen Tümpels, der leider aber stark eutrophiert, kaum Käferleben zeigte. Dafür wurden wir durch eine zufällige Entdeckung entschädigt, die uns plötzlich und unerwartet an die jüngere Vergangenheit dieser Landschaft erinnerte. Beim Durchqueren eines kleinen Waldstreifens stiessen wir auf einen überwucherten, zerstörten und offenbar auch vergessenen Friedhof mit zahlreichen Gräbern der deutschen Bevölkerung dieser Gegend. Auf den kaum noch erkennbaren Inschriften konnte man mit einiger Mühe neben den deutschen Namen, Sterbedaten bis in die späten fünfziger Jahre (!) des letzten Jahrhunderts entziffern. Der Zustand der teilweise zerstörten Grabanlagen (die Steine wurden offensichtlich zum Wiederaufbau der zerstörten Häuser in der Umgebung gebraucht), die dichte Vegetation, die das Gelände  überwucherte und  das diffuse Licht dieses trüben Regentages versetzten uns ungewollt in eine nachdenkliche, etwas wehmütige Stimmung. Gott sei Dank ist mit Anbruch der „neuen Zeit“ und Polens Beitritt zur EU hinsichtlich der Vergangenheitsbewältigung die Möglichkeit zum besseren Verständnis beider Volksgruppen füreinander gegeben! Aber da diese Aspekt bei unserer Reise sicher nicht im Vordergrund stand, sollte dieser eher zufällige Kontakt mit der jüngeren Vergangenheit dieses geschichtsträchtigen Gebietes auch die einzige Begebenheit gewesen sein, die uns so unmittelbar mit ihr in Berührung brachte! Ansonsten können wir über den Kontakt mit der polnischen Bevölkerung nur Gutes berichten. Nie merkten wir Misstrauen oder gar offene Feindseligkeit, höchstens Zurückhaltung. Am Abend ging dieser koleopterologisch entäuschende, aber letztlich doch erlebnisreiche Tag mit dem schon gewohnten kulinarischen Abschluss im Ortelsburger Basislager zu Ende.

4. Tag : 11. Juli  – Im Forst von Korpellen

Endlich besseres Wetter! Am Morgen kurze Lagebesprechung und Abstimmung des Tagesplans: Die Wasserkäferfallen sollten nun erstmals zum Einsatz kommen, die Zeit drängte, der Abflugtermin näherte sich. Die schon mit grossem Erfolg in heimatlichen Gefilden eingesetzten Plastikflaschenreusen, nach Siggis Idee mit wenigen Handgriffen herzustellenden

Fallen,  mussten mit Köder beschickt werden. So wurde in der Stadt frischer Fisch besorgt, der in Stücke zerteilt, als Lockmittel dienen sollte. Nach diesen Vorbereitungen war der schon erwähnte See im Korpellener Forst in der Nähe Ortelsburgs bei dem Weiler Korpel/Karpellen unser Ziel. Bei der Vorinspektion waren uns die zahlreichen Bootsanleger aufgefallen, die  im wesentlichen für Angler und deren Boote angelegt waren. In der Morgensonne zeigte sich unser See so, wie man sich masurische Seen vorstellte:dichter Schilfgürtel, Schwimmblattzone, Wasservögel, Stille, Sonnenreflexe und Wolkenschatten auf der ruhigen Wasseroberfläche und absolute Ruhe! Die mussten wir nun leider stören: ein Boot musste her um unsere Reusenflaschen an die gewünschte Stellen im See zu bringen. Glücklicherweise waren einige Anwohner auf Bootsverleih eingestellt, so dass wir uns für einige Stunden ein Ruderboot mieten konnten. Sehr erleichternd war dabei, dass die Vermieter gut Deutsch sprachen. Die Erklärung für die guten Deutschkenntnisse stellte sich nach unserer Rückkehr rasch heraus: neben dem Bootsverleih wurde eine modern und freundlich eingerichtete Pension geführt, die, wie wir am Kennzeichen einiger hier parkender Autos feststellen konnten, von deutschen Gästen genutzt wurde. Ein wirklich traumhafter Ort für Urlaub in der noch intakten Natur!

Mit unserem Boot ging es nun durch den dichten Schwimmblattgürtel auf die Suche nach geeigneten Standorten für unsere Wasserkäferflaschen. In der Sonne flogen uns schon nach wenigen Ruderschlägen Donacien ins Boot: Donacia crassipes tummelte sich in vielen Farbvariationen auf den See- und Teichrosenblättern (Abb. 17).


 

 

Abbildung 17: Uferzone des Mühlenteichs, “unser“ See im Korpellener Forst.

Nachdem alle Reusen an vielversprechender Stelle untergebracht waren (dem Naturliebhaber sei gesagt, dass alle hier einschwimmenden Tiere nach kurzer Kontrolle wieder freigelassen wurden, es waren nur 24 Stunden zwischen Ausbringung und Kontrolle!), blieb genügend Zeit um die Uferzone, Schilfgürtel und Schwimmblätter auf Käfer zu untersuchen. Aber auch hier blieb das Ergebnis hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück: an Halipliden zeigten sich: Haliplus obliquus, lineatocollis, ruficollis und laminatus. Dytisciden: Hyphydrus ovatus, Hydroglyphus pusillus, Coelambus impressopunctatus, Hydroporus angustatus, erythrocephalus, pubescens und palustris. Agabus uliginosus, sturmi und undulatus, Ilybius fenestratus, ater, fuliginosus und subaeneus. Neben Donacia bicolor und marginata trat die schon erwähnte Donacia crassipes als häufigste Art ihrer

Gattung auf. Prasocruris phelandri fand sich auf Ufervegetation! Erstaunlich das völlige Fehlen von Halticinen!

Unmittelbar um den See herum erstreckt sich der riesige Korpellener Forst (s. Karte), der in regelmässige Großparzellen aufgeteilt, zum größten Teil aus Nadelwald besteht, aber gerade im Randbereich von artenreichem Laubwald begrenzt wird. Hier fanden wir auf Lagerholz und auf Gebüsch: Cerambyciden: Rhagium mordax, Acanthocinus aedilis, Monochamus galloprovincialis pistor, Strangalia quadrifasciata, maculata und attenuata. Die Zahl der hier beobachteten Ubiquisten anderer Familien war groß, die Mehrheit wird an anderer Stelle aufgezählt!

Gegen Mittag ging es entlang schmaler Forstwege (die uns beinahe zum Verhängnis geworden wären) tiefer in den Wald um nach Lichtungen und Totholz zu suchen. Da der Wald als reiner Wirtschaftswald sehr intensiv genutzt wird gab es kaum Totholzanteile und trotz zeitaufwändiger Suche konnten wir nur eine grössere Lichtung finden auf der allerdings Waldarbeiter und Forstbeamte beschäftigt waren. Interessanterweise waren solche Lichtungen, die durch Wirtschaftsmassnahmen entstanden,  nach unseren Beobachtungen äußerst selten . Die geschlagenen Bäume werden sofort bearbeitet und abtransportiert, der freie Platz durch Aufforstung  wieder genutzt! So entfallen längere Liegezeit besonnter Stämme und damit Brut-und Fortpflanzungsplätze zahlreicher holzbesiedelnder Insekten. Diese sonnendurchflutete Enklave war jedoch ab jetzt unser am meisten besuchter Inspektionsort, da es hier alle möglichen Beobachtungsgelegenheiten gab. (Abb. 18).

Abbildung 18: Lichtung, Kahlschlag im Korpellener Forst

Kiefern, Tannen und Fichten waren frisch geschlagen, grössere Stämme lagen in riesigen Stapeln in der Sonne, grosse Stubben, Reisig und Wurzelwerk bildeten ideale Anflugplätze und auf den durch Traktoren aufgerissenen Waldwegen waren Sandflächen entstanden, die viele heliophile Käferarten anlockten. Nach dem Abmarsch der Waldarbeiter nutzten wir bis spät in den Abend die Zeit für intensive Käferstudien. In der prallen Nachmittagssonne konnten man schon von weitem funkelnden Anflug beobachen: Prachtkäfer von grösserem Kaliber! Im Gegensatz zu den kleinen Verwandten der Gattungen Anthaxia und Agrilus, für die die Jahreszeit schon zu fortgeschritten war, flogen hier Buprestis und Chalcophora noch in Anzahl. Diese Arten sind eben Hochsommertiere und noch bis Ende September zu finden. Also legten wir uns in der Nähe der grossen, gefällten Fichtenstämme auf die Lauer um den Anflug näher zu beobachten. Die Fluchtdistanz der scheuen Tiere war an diesem warmen Sommerabend  schon beachtlich, dennoch konnte man in einer guten halben Stunde den Buprestidenbestand vollständig erfassen:Buprestis novemmaculata in allen Variationen war der häufigste Vertreter, seltener schon Chalcophora mariana s. str., ganz vereinzelt und ungeheuer flink zeigte sich für einige Wimpernschläge auch Buprestis octopunctata! Es mutet schon seltsam an hier „hoch im Nordosten“ die gleichen Arten zu finden, die in den lichten Kiefernwäldern rund ums Mittelmeer, 2500 km südlich, fliegen. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich in eine ganz ähnliche Lichtung Mallorcas versetzt, auf der die gleichen Buprestiden schwärmten, Chalcophora mariana allerdings in der helleren Form massiliensis! Erstaunlich  das relativ seltene Vorkommen des Fichtenprachtkäfers Melanophila cyanea. Unterbrochen wurde die Stille dieser Käferarena von Zeit zu Zeit durch das heftige Brummen zum Sturzflug ansetzender Spodylis buprestoides Bomber, die hier in extrem grossen Exemplaren umherschwirrten. Vom Kiefern- und Fichtenreisig klopften wir Monochamus galloprovincialis pistor, der auch manchmal reglos auf Kiefernstubben saß. Dazu vereinzelt Pogonochaerus fasciculatus (die einzige von uns gefundene Art der Gattung!) und den hübschen Zimmermannsbock Acanthocinus aedilis. Auf den sandigen Waldwegen und Lichtungsfurchen machte sich unsere grösste Cincindela-Art: sylvatica auf eigene Pirschgänge. Dieser schönen,  waldgebundene Ostart könnte man stundenlang zuschauen, wenn sie im eleganten Fluglauf Beute macht! Weniger häufig waren die kleineren Vettern hybrida und campestris. Erst die heraufziehende Dunkelheit machte unseren Käferstudien ein Ende, auf holprigen Waldwegen ging es zurück zur Landstrasse in Richtung Ortelsburg, wo schon die abendliche Jause wartete! Zusätzlich brachte der Tag noch an Käfernotizen (vom Mühlenteich, Ufervegetation und Lichtung): Leptura nigra, bifasciata und melanura, Arhopalus rusticus, Pogonochaerus fasciculatus, Tetropium castaneum, Asemum striatum, Acanthocinus aedilis, Monochamus galloprovincialis pistor, Rhagium inquisitor und damit fast alle Nadelholzcerambyciden die um diese Zeit noch zu erwarten waren! Des weiteren Trypocopris vernalis, Aphodius fimetarius. An Rüsslern: Magdalis violacea, linearis, memnonia und phlegmatica, Pissodes pini und piniphilus, Hylobius abietis, Brachyderes incanus, Anthonomus phylocola, an Carabiden: Pterostichus melanarius, niger und oblogopunctatus; Amara curta und familiaris, Ophonus rufibarbis, Harpalus laevipes, rufipalpis, Nebria brevicollis und rufomarginatus, Poecilus lepidus und versicolor, Calathus micropterus. Schön war der Nachweis von Thanasimus femoralis, der neben formicarius gar nicht so selten war! Prosternon tesselatum, Melanotus rufipes, Selatosomus aeneus repräsentierten die kaum vertretene Elateridenfauna. Trachys pumilus war häufig!  Am Mühlenteich: Agonum fuliginosum, thoreyi und gracilipes. Cantharis pellucida, Rhagonycha fulva, Lixus iridis und Poophagus sisymbrii frassen an Sumpfpflanzen. Aus dem Wasser fischten wir: Illybius fenestratus und fuliginosus, Hyphydrus ovatus, Noterus crassicornis und Laccophilus minutes. An Hydrophiliden zeigten sich: Coelostoma orbiculare, Enochrus coarctatus, Hydrobius fuscipes, Hydrochara caraboides, Hydrochus brevis, Helophorus aquaticus, also ausgesprochene Allerweltstiere. An Staphyliniden konnten wir Oxytelus rugosus, Staphylinus erythropterus, Scopaeus cognatus beobachten, wie überhaupt die Staphylinidendichte sowohl im Artbestand als auch in der Individuenzahl noch weit unter dem schon gewohnten Allgemeinbild lag! Die typischen Nadelholzcoccinelliden Neomysia oblongopunctata, Anatis ocellata und Myrrha 18punctata rundeten das Beobachtungsergebnis ab!

5. Tag : 12. Juli  – Elbing/Elblag und Frisches Haff

In der Nacht gingen mit heftigen Gewittern große Regenmengen nieder, die uns am späten Nachmittag noch indirekt in Schwierigkeiten bringen sollten, doch dazu später! Der Wecker war auf vier Uhr gestellt, ohne Frühstück, noch bei Dämmerlicht ging die Fahrt zur Küste in Richtung Frische Nehrung, Frisches Haff. Beim großen Supermakt (da waren wir doch einmal froh, dass es sowas gab!) vor Ortelsburg waren alle Verpflegungsutensilien schon am Vortag besorgt worden, so dass kein größerer Stop notwendig wurde – die Strecke war Oneway immerhin 200 km! Das Wetter war einmalig gut, der einzige ungetrübte Sommertag, bei allerdings relativ niedrigen Temperaturen um 20 Grad. Auf der Schnellstrasse ging es über Allenstein und Osterode/Ostroda nach Norden in Richtung Küste. Auf dieser Strecke wurde von Siggi aufgrund der rigorosen Fahrweise der polnischen Verkehrsteilnehmer im morgentlichen Berufsverkehr höchste Konzentration gefordert! So war es leider auch nicht möglich einem offenbar gerade verunglückten Radfahrer zu helfen , da jedes Verlangsamen der Fahrt unweigerlich die eigene Sicherheit gefährdet hätte. In den frühen Morgenstunden erreichten wir Elblag/Elbing die letzte Ostsee-Hafenstadt vor der russischen Grenze und Kaliningrad/Königsberg. (Abb. 19).

 

Abbildung 19: Das Stadtwappen von Elbin/Elblag auf einem Notgeldschein

In der hellen Morgensonne strahlten die vielen renovierten und gut restaurierten Gebäude der Altstadt und des Zentrums um den Hafen  in ganzer Pracht, so dass wir uns zu einer kleinen Stadtbesichtigung entschlossen. Eindrucksvoll das Gelände der ehemaligen Deutschordensburg (nicht restauriert) mit dem Regionalmuseum, beides in der Nähe des Elblag-Ufers. Der Fluss mündet hier in eine Bucht des Frischen Haffs, die an einigen Stellen von Brücken überspannt  und von Anlegerstellen für Ausflugsschiffe und Kaianlagen gesäumt wird. In diesen frühen Morgenstunden war noch kaum Betrieb, so dass wir in Ruhe

Fotografieren konnten (Abb. 20/21).

    

Abbildung 20: Elbing, Zentrum: Blick auf die Nikolaikirche

Abbildung 21: Elbing: Uhrturm mit Stadttor und Stadtwappen

 

Bewundernswert ist hier die Aufbauleistung, die nach der fast völligen Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs die heute über 100.000 Einwohner zählende Hafenstadt gerade in den letzten Jahren zu einem blühenden Wirtschafts- und Touristenzentrum gemacht hat! Leider blieb zu wenig Zeit um uns noch mehr Eindrücke in der nun langsam aufwachenden Stadt zu verschaffen, unser Ziel lag ja noch vor uns: das Frische Haff.

Über Nowy Dwor Gdanski, wo wir die Schnellstrasse in Richtung Küste verliessen, war der Ort Stegna/Steggen schnell erreicht. Hier biegt die Strasse parallel zur Ostseeküste auf die herrliche Landzunge ab, die sich nun 30 km bis zur russischen Grenze und darüber hinaus in gleicher Länge bis kurz vor Königsberg erstreckt. Diese herrliche Landschaft mit den zur Ostsee gerichteten endlosen, breiten, schneeweissen Sandstränden (Abb. 22), 

Abbildung 22: Ostseestrand auf dem Frischen Haff

Dünenkämmen, Waldstreifen und auf der Haffseite Schilfufern und Wiesen,  ist zumeist nur 600 Meter breit! Eine ostwärts immer schmaler werdende Strasse führt an einigen Badeorten mit berühmter Vergangenheit vorbei in die Nähe der russischen Grenze. Von Grenzanlagen Typ: “Eiserner Vorhang“ keine Spur, lediglich ein einsamer Jeep und eine Radaranlage ließ die Nähe der Grenze ahnen. Siggis Versuch von diesem bizarren, weltvergessenen Ort Fotos zu machen, wurde von rauher Fischerhand gestoppt.


Abb. 23: Fischer bei der Arbeit, Kahlberg/Krynica Morska

Einigen bierseeligen Fischern, die uns wohl beobachtet hatten, gefiel offenbar unser harmloses Verhalten nicht. Dies war allerdings die einzige Situation in der unser Kontakt mit der polnischen Bevölkerung nicht ganz so freundlich ausfiel! Vom Militär war übrigens keine Spur zu sehen! Der leicht angetrunkene Fischertrupp gab sich auch mit unserem stillen Rückzug zufrieden. Von hier aus, dem ehemaligen Kahlberg/Krynica Morska, einem kleinen Bade-, Fischer-und Touristenort mit eigenem rauhen Charme, starteten wir gegen 10 Uhr unsere koleopterologischen Studien. Dabei arbeiteten wir uns Abschnitt für Abschnitt auf der Landzunge zurück, an jeder vielverprechenden Stelle kurz nach den Objekten unserer Begierde schauend (die kühlte sich allerdings schnell ab!). Mit was für Träumen war diese Gegend doch in unseren Köpfen gespeichert, die tollsten Arten hatte man hier gefunden, seltenste Chlaenius-Raritäten, östliche Aphodien, nördliche Carabus-Formen und, und, und…. . Aber was fanden wir: alles, nur keine Käfer! Zumindest war unsere koleopertologische Ausbeute extrem gering!

Meterhohe Dünen mit Moos- und Flechtenpolstern, die dem Ostseestrand vorgelagert waren, zeigten sich ohne jedes entomologische Leben! Ebenso wie die Waldstreifen und zu unserer grössten Entäuschung auch die Strände selbst. Auf vielen Kilometern Strandlänge konnten wir ausser einigen Bernsteinsuchern, Möven und Muscheln, keine Lebewesen entdecken. Dafür entschädigte uns der traumhafte Zauber dieser Landschaft, der den für solche Empfindungen offenen Besucher mit absoluter Stille, der hier zwischen den Badeorten menschenleeren Weite, dem erfrischenden Wind und dem klaren Licht umfängt. (Abb. 24).



Abbildung 24: Ostseestrand: Frische Nehrung

Die entomologischen Beobachtungen reduzierten sich auf einige Funde zwischen Dünentälern, Heckenrosenwällen und dem schmalen Waldgürtel, hier konnten wir Anatis ocellata, Chrysanthia nigricornis, Kibunea minuta von der Vegetation streifen, Allerweltsarten eben!

Gegen Mittag kurze Erfrischungspause im ehemaligen Kahlberg/Krynica Morska, einem kleinen, hübschen, aber quirligen Ostseebad, das aufgrund des bei diesem schönen Badewetter enormen Menschenauftriebs, nicht lange zum Bleiben einlud! Der spröde Charme dieses Ortes war auf Bildern alter Postkarten nachzuempfinden, die man aus längst vergangenen Zeiten hier noch kaufen konnte! Kurz vor dem zweiten Badeort auf der Nehrung , dem ähnlich lebhaften Pröbbernau/Przebrno, wollten wir unser entomologisches Glück ein letztesmal versuchen. Diesmal wurde die Haffseite ausgewählt, mit intensiv genutzten Weiden,  Wiesenflächen. Gräben, Sumpfstellen, Gebüschrändern und Schilfvegetation. Außerdem wurde versucht direkt am Wasser auf Bembidien-Fang zu gehen: Fehlanzeige! Salzliebende Tiere konnten wir nicht finden – dies war allerdings aufgrund des geringen Salzgehaltes des Ostseewassers auch nicht zu erwarten! Auf der Haffseite war das Ergebnis zwar deutlich besser als zur Seeseite, jedoch zeigten sich leider auch hier nur “Allerweltstiere“, wie etwa: Dyschirius globosus, Agonum thoreyi, Limodromus assimilis, Pterostichus niger, melanarius, vernalis, oblongopunctatus, Oodes helopioides, Calathus fuscipes, erwähnenwert allerdings die beiden Harpalus –Arten, typische Sand-Küstenbewohner: Harpalus neglectus und Harpalus servus in seiner unverkennbaren Amara-Form, immerhin nicht ganz so gewöhnliche Arten! An Bembidien zeigten sich: Bembidion articulatum, doris, mannerheimi und varium. In den Feucht- und Wasserbiotopen zeigten sich Helophorus strigifrons und brevipalpis, Hydrochara caraboides, Hydaticus seminiger, Spercheus emarginatus, Hygrotus inaequalis, Anacaena limbata, Ochthebius minimus, Stenus brunnipes, longipes und boops; an Diversa: Kibunea minuta, Oedemera femorata, Dolichosoma lineare, Aphodius fimetarius und fossor, Meligethes subrugosus, Adrastus limbatus, Aegialia arenaria, Philonthus umbratilis. Als einziges Highlight konnte ein Exemplar von Zorochrus arenicola die Bilanz etwas aufbessern, ein in Sammlungen selten zu findendes Tier, das hier an seinem typischen Lebensraum, den Sandküsten der Ostsee beobachtet wurde. Wengstens eine Rosine im koleopterologischen Einheitsbrei!

Andererseits war auch hier der Blick übers Haff, der sonnenspiegelnden Wasserfläche bis zur Küste atemberaubend! Nach kurzer Inspektion machten wir uns dann, um eine weitere koleopterologische Illusion ärmer, schleunigst auf den Rückweg um wenigstens an gesichert ergebnisreichen Orten den sonnigen Nachmittag käfermässig noch zufrieden stellend abzuschliessen! Zusammenfassend lässt sich im nachherein unsere anstrengende Haff-Tour so beurteilen: Landschaft grandios – aber als Koleopterologe sollte man eine andere Jahreszeit wählen (wahrscheinlich wäre jede andere Zeit ergebnisreicher gewesen! ) Eindrucksvoll und damit lohnenswert war unsere Exkursion auf jeden Fall!

So erreichten wir ohne weitere Zwischenfälle am frühen Nachmittag unseren schon vertrauten „Käferplatz“, die grosse Lichtung im Korpellener Forst. Und hier schlug auf einem Forstweg ganz unvermittelt das Schicksal in Form einer tückischen, regenwassergefüllten Wagenspur zu! Siggis Fahrkünste und Tricks nützten nicht, wir steckten bis zur Achse im Waldschlamm!

Der nächste Ort war 10 Kilometer entfernt, zu Fuß ein ganz schönes Stück, und dann die Sprachschwierigkeiten…. Zum Glück hörten wir das entfernte Geräusch von Motorsägen, die nur von Waldarbeiten in unserer Nähe stammen konnten! So machten gerade und Gott sei dank „unsere“ Waldarbeiter an diesem Tage auf der grossen Lichtung Überstunden! Nach kurzem Kommunikationskontakt (Englisch – Deutsch – Zeichensprache) war unser Missgeschick dargestellt und offenbar verstanden worden. Die Überraschung seitens des Waldtrupps war natürlich groß, hier abseits jedes normalen Fahrweges zwei Fremde, deutschsprachige Touristen zu treffen. Wie wäre solch eine Begebenheit nur wenige Jahre zuvor geendet? Freundlich und hilfsbereit versuchten wir nun mit vereinten Kräften unser braves Gefährt wieder flott zu machen, vergeblich! Der schlüpfrige Waldboden ließ keinen festen Stand zu. Also fuhr kurzentschlossen einer unserer Helfer mit dem Motorrad ins nächste Dorf um einen Traktor zu holen, der nach einer knappen Stunde Wartezeit ohne viel Mühe den „Karren aus dem Dreck zog“! Auch in dieser für uns so unangenehmen Situation zeigte sich die schon erwähnte Hilsbereitschaft aufs Neue. Wir bedankten uns unter Aufbietung aller zusammengeworfenen Zloty-Reserven, die wir mitführten (gar nicht so viel!) und trennten uns zu beidseitiger, höchster Zufriedenheit! Halt, nicht ganz:da war da noch der offenbar akademisch gebildete Vorgesetzte, eine wohl höherer Forstbeamter, der mit Klemmbrett und Walkie-Talkie die Arbeiten überwachte. Er, der vorher alles Treiben nur aus der Distanz beobachtet hatte, wollte nun doch wissen (in gutem Englisch), was wir hier zu suchen hätten.  Sein Misstrauen konnten wir mit der Ausrede vom „falschen Kartenlesen“ besänftigen! Zum Abschied pflückte ich noch kurz eine Melanophila cyanea während des Gespräches von seiner Jacke. Was wird er wohl über diese merkwürdigen Besucher gedacht haben?

Nach Abzug des Trupps nebst Anführer, konnten wir den Abend noch in Ruhe auf unserem Buprestidengelände ausklingen lassen. Hier fanden sich die schon erwähnten Arten zur Abschiedsvorstellung für diesen sehr erlebnisreichen und aufregenden Tag ein.

6. Tag :  13. Juli  -  Krutynia

Viel zu schnell war nun der letzte vollständige Exkursionstag angebrochen – auf dem Plan stand ein Besuch des berühmten Flusses Krutynia, einem naturbelassenen, wunderschönen Wasserweg, der mit seinem klaren sauberen Wasser, seiner urwaldähnlichen, artenreichen Vegetation und den zoologischen Besonderheiten (Biber, Fischotter) Anziehungspunkt für Kanutouren, Wanderungen, geführte Flosstouren und zahllose Privatausflüge ist. Masurens schönster und längster Fluß ist allein schon eine Reise wert (Abb. 25). Über 100 km lang verbindet und durchfließt er mehrere große Seen, zwei Naturparks und mündet schliesslich in einen der schönsten Seen Polens, den Beldany-See.


  
Abbildung 25: Die Krutynia



Abbildung 26: Boootstour auf der Krutynia

Unvermeidbar ist allerdings in der Hauptsaison (auch die Polen haben jetzt Ferien!) das extrem hohe Menschenaufkommen (Abb. 26), so dass man die Schönheit der Natur nur ganz selten für einige Minuten ganz alleine geniessen kann. Über Stare Kielbonki und Zgon ging es am Morgen von Ortelsburg in nordöstlicher Richtung zum namensgebenden Ort Krutyn. Ungebrochen war mal wieder der entomologische „Hunger“ auf Käferbesonderheiten in dieser so vielversprechenden Naturlandschaft. Der Leser wird aber sicher schon korrekt vermuten, dass auch am Ende dieses Tages ein koleopterologisch unbefriedigendes Ergebnis stand. Aber genau wie an den übrigen in der Käferliteratur erwähnten „Traumorten“ die sich letztlich aus den genannten Gründen als Entäuschung erwiesen, wurden wir durch Beobachtungen aus anderen Tierklassen und dem phantastischen Gesamteindruck dieses Naturparadieses mehr als reichlich entschädigt. Wenige Kilometer hinter dem lebhaften Hauptort erreichte die kurvenreiche Landstrasse ein dichtes Laubwaldgebiet, hier konnten wir einen einsamen Wanderparkplatz als Ausgangspunkt für eine ausführliche Inspektion  ausmachen. Entlang des Flussufers zog sich ein Wanderweg durch üppige Uferpflanzen, Erlenbrüche, Sumpfabschnitte bis zu unpassierbaren Stellen, die aufgrund von Schlingpflanzen, undurchdringlichem Urwald und kleinen Teichen nicht weiter begehbar waren. Eine reiche Vogelwelt hätte jedes Ornitologenherz höher schlagen lassen, da meine Kenntnisse auf diesem Gebiet eher bescheiden sind, konnte ich nur staunen wie viel verschiedene Arten Siggi in kurzer Zeit identifizieren konnte, aus der Vielzahl sei hier lediglich der Gänsesäger erwähnt, ein auffällig schönes Tier, das hier Brutvogel, bei uns nur seltener Wintergast ist! Unsere käferbezogenen Aktivitäten beschränkten sich auf Untersuchungen der Uferzone durch Treten, Klopfen und kurze Einsätze des Wassersiebes. Die bescheidenen Ergebnisse waren: Hydraena gracilis, Ochthebius minimus, Hydrochus brevis, Limnebius parvulus, eine typisch nordöstliche Art, die bei uns im Westen nur selten auftritt! Dazu in wenigen Exemplaren noch Badister dilatatus. Einige weitere Feuchtbiotop-Ubiquisten lohnen der Aufzählung nicht!

Als „Beifänge“ zeigten sich Flussperlmuschel und Wandermuschel in großer Zahl, herrlich schillernde Libellenarten, Schmetterlinge, Fischschwärme etc.

Trotz aller botanisch-zoologischen Vielfalt blieb bis zum frühen Nachmittag  unser koleopterologisch ausgerichteter Blick somit unbefriedigt, so dass wir uns entschlossen, den relativ kurzen Heimweg anzutreten und auf unserer mittlerweile liebgewonnenen Lichtung im Korpellener Forst Abschied von Masuren zu nehmen! Auf dem Weg zu „unserer“ Lichtung wurde dann die mit grosser Spannung erwartete Kontrolle der Dytisciden-Reusen durchgeführt. Unter den schon geschilderten Umständen war das Ruderboot schnell besorgt und trug uns in wenigen Ruderschlägen zu den vorher markierten Ankerorten der Treibfallen! Selbstverständlich ahnten wir das Ergebnis schon im Voraus: kein einziger Schwimmkäfer hatte den Weg in die Reusen gefunden, in denen sich lediglich einige kleine Fische verirrt hatten! Erstaunlich ist das schon, wenn man bedenkt, dass wir mit dieser sonst so effektiven Methode in rheinischen Gefilden in wenigen Stunden! ! den Querschnitt an Großdytisciden in einem belibigen Gewässer nachweisen konnten. So platzte wieder mal eine Traumblase mit koleopterologischem Inhalt – nicht ein einziger Dytiscus konnte von uns  entdeckt werden! Dennoch sollte dieser Tag nicht mit dieser neuerlichen Entäuschung enden.  Bei schönem, warmen Sommerwetter  verbrachten wir den späten Nachmittag unseres letzten Polen-Tages mit kurzweiligen Käfer-Studien an sonnenbeschienen Kieferstubben und auf sandigen Waldwegen. Bei kurzen Abstechern in die angrenzenden, dichten Waldgebiete konnten wir in kurzer Zeit auch ein beachtliches mykologisches Sammelergebnis zusammentragen: Pfifferlinge in jeder Grösse und in dichten Trupps beisammenstehend füllten in einer knappen halben Stunde mehrere Stoffbeutel (eigentlich als Gesiebebeutel gedacht!). Da kam die Erinnerung an lange zurückliegende Jugendzeiten auf, in denen ich in den Wäldern des Westerwaldes ähnliche Trophäen mitnehmen konnte! Aber das ist in westdeutschen Gefilden leider Vergangenheit!

Zum Thema „Gesiebe“ zurückkommend , konnten wir die immer wieder auffallende Käferarmut dieser Jahreszeit wieder feststellen, nach einigen Stichproben unterliessen wir diese ansonsten so erfolgreiche Untersuchungstechnik!

Mit gut gefüllten Pilzbeuteln und einigen letzten, aber schon bekannten Käferbeobachtungen im Gepäck, machten wir uns bei aufziehender Dämmerung auf den Heimweg nach Ortelsburg, wo wir den letzten Abend zünftig ausklingen ließen.

7. Tag : 14.  Juli: Abreisetag : Ortelsburg – Schimanen – Dortmund

Am letzten Tag unserer Polen-Exkursion nahmen wir uns noch einmal Zeit Ortelsburg zu Fuß näher zu erkunden. Innenstadt, Burganlage und das lohnenswerte, kleine Masurenmuseum (Abb. 27) in der schön restaurierten Burg wurden besichtigt.

  

Abbildung 27: Ortelsburg: Museum


Abbildung 28: Ortelsburg, Stadtsee

Am Ufer des Stadtsees (Abb. 28) zeigten sich Schäden der Regen- und Sturmnächte: kleine Boote waren zerstört, einige grössere Schiffe zeigten erhebliche Beschädigungen an Segeln und Aufbauten! Mit einem ausgedehnten Spaziergang um den See näherte sich unser Aufenthalt hier dem Ende. Kurz nach Mittag machten wir uns auf die Fahrt zum Airport, nicht ohne noch an einigen Wegstellen auf Blüten und Randvegetation nach Käfern geschaut zu haben. Immerhin konnte unsere Beobachtungsliste noch um einige Arten erweitert werden: Strangalia attenuata, Lygistopterus sanguineus, Leptura rubra (bisher noch nicht entdeckt, obwohl bei uns in dieser Zeit häufig! ) waren die letzten Käfer unserer Polen-Liste.

Am Flughafen angekommen nahmen wir Abschied von unserem treuen Mietwagen, der uns nie im Stich gelassen hatte und erledigten die unproblematischen Zoll- und Abflugformalitäten. Zu einer Gala-Schlussvorstellung hatte sich unweit des Rollfeldes eine unüberschaubar grosse Zahl von Störchen eingefunden, die auf den regennassen Feldern auf Froschfang gingen. Einen schöneren Abschiedsgruß Masurens konnte man sich in der aufziehenden Abenddämmerung sicher nicht wünschen!

Gegen 22 Uhr erreichten wir nach ruhigem Flug Dortmund Flughafen.

III .   Schlussbemerkungen

Rückblickend hat sich unser kurzer Aufenthalt in Masuren in vieler Hinsicht gelohnt, wenn auch nicht einer der vorher gehegten entomologischen Wunschträume in Erfüllung ging. Die Großartigkeit der Landschaft, die Vielfalt der Natur außerhalb des koleopterologischen Blickwinkels, die Gastfreundschaft und nicht zuletzt das zufriedenstellende Gefühl einmal wenigstens „Vorväterland“ besucht und gesehen zu haben, sind Gründe genug unsere Reise als rundum erfolgreich zu werten. Wie der Leser festellen kann, habe ich auf die sonst übliche systematische Auflistung unserer Käferfunde bewusst verzichtet und den „bodemeyerischen“ Berichtstil gewählt, in dem die Gesamtheit der kleinen und großen Ereignisse und Eindrücke geschildert wird! Die stichprobenhaften koleopterologischen Notizen könnten dennoch für den einen oder anderen Leser eventuell Anreiz sein, einmal selbst dieses nordöstliche Ziel zu bereisen. Sicher gibt es käferspezifisch dort  viel mehr zu entdecken, auch heute noch – und wer weiß, vielleicht leben ja dort sogar unsere „Traumarten“ noch !

Abgeschlossen im November 2004

Literatur:

Verzeichnis der Käfer Preußens, Dr. Hans Bercio, Br. Folwaczny, Fulda 1979

Adolf Horion, Faunistik der mitteleuropäischen Käfer, Band 1 – 12, 1940 - 1972

Anschrift des Verfassers:


Gerhard Katschak

Turmstr.18

47533 Kleve

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