Coleo

5

17-21

2004

ISSN 1616-3281


Anmerkungen zu Parandra brunnea (F.)

Gerhard Katschak, Kleve

Eingegangen: 12. Oktober 2004

Im WWW publiziert am: 8. November 2004

Abstract
Parandra brunnea (F.) has been reported from the "Großen Ostragehege" (Dresden) for the first time after nearly 40 years.

Zusammenfassung
Parandra brunnea (F.) konnte nach fast 40 Jahren erstmals wieder im "Großen Ostragehege" (Dresden) nachgewiesen werden.

Anlässlich eines Ferienaufenthaltes in Dresden Ende August konnte ich den schon lange gehegten Plan, Parandra brunnea (F.) im Originalbiotop, am loc. class. aufzusuchen, verwirklichen. Die aus Nordamerika zu Beginn des Jahrhunderts (ca.1915) in Dresden eingeschleppte Art hat sich offenbar rasch etabliert, was die vielen Fundangaben im Horion`schen Faunistikwerk (Faunistik, Band XII, S.1) belegen. Bis in die späten sechziger Jahre kommen dann mit zeitlich grösser werden Abständen weitere Fundmeldungen dazu. Nach den letzten mir zugänglichen Funddaten (1966) sind allerdings keine aktuelleren Meldungen in der Literatur aufzufinden. Auch im engeren und weiteren Entomologenkreis waren aktuelle Daten nicht zu bekommen. Dies gilt sogar für einige in und um Dresden ansässige Coleopterologen, die mir auch kein neueren Informationen liefern konnten.

So machte ich mich dann am Nachmittag des 27.August 2004 auf, um bei schönem,trockenen Wetter den Fundort aufzusuchen,der in der Literatur am häufigsten genannt wurde: Das Ostra-Gehege im Altstädter Elbbogen. Bewaffnet mit Internetinformationen und einem unentfaltbaren Falkplan sowie mit Hilfe öffentlicher Verkehrsmittel erreichte ich in kurzer

Zeit das Ziel. Dieses in fast allen Stadtführern als Landschaftsschutzgebiet aufgeführte Gelände liegt in der erwähnten Elbschleife im Dresdener Vorort Friedrichstadt und wird heute vom neu gestalteten Messegelände, den Hafenanlagen und weitläufigen Sportanlagen zur Innenstadt abgegrenzt (Karte, Abb.1). Das Gelände ist ca. 2 Quadratkilometer groß.

                                                                                     

 

Abb.1: Karte

 

Nach Internet-Informationen (aus dem Jahr 2001): “Das Große Ostragehege war schon im 19. Jahrhundert ein beliebtes Naherhohlungsgebiet der Dresdner Bürger und diente bis zum 18. Jahrhundert als kurfürstliches Jagdgebiet…“ erwartete ich also ein weitläufiges Parkgelände mit Alleen, Laubwaldanteilen und natürlich Parandra-Linden! Als ich jedoch aus dem Stadtbus stieg, der vor dem neuen Messeanlagen hält, zeigte sich,was Dresdner Stadtplanung aus diesem Gelände gemacht hat. Das Gesamtgebiet besteht aus einem riesigen sterilen Parkplatz für Messebesucher und, getrennt durch eine Brücke, aus einem umgepflügten, vegetationslosen Auffangbecken für Elbhochwässer (Karte, Abb.1). Die für die Entwicklung von Parandra notwendigen Laubbäume waren bis auf wenige Restbestände verschwunden. Ohne grosse Hoffnung auf Beobachtungserfolg machte ich mich auf den Weg die kümmerlichen Rest-Baumbestände zumindest kurz zu überprüfen. So konnte ich ältere Linden, den Lieblingsbaum Parandras, entlang der Abzäunung zum Hafengelände untersuchen (Hafenweg, Karte,Abb.1). Auf einer Strecke von 1 km haben etwa 30 mittelalte Linden entlang des Hafenwegs die Abholzung überlebt. Lediglich ein Baum zeigte, allerdings in unzugänglicher Höhe, eine durch Blitzschlag entstandene Stammverletzung, die als typisch für die Besiedlungsorte von Parandra genannt werden. Am Ende des Hafengeländes biegt eine kümmerliche Restallee aus Linden (ca.40 Bäume) ins Wiesengelände ab. Lage und Zustand der Bäume lassen für die Zukunft dieses letzten Bestandes Schlimmes befürchten! Eine kurze Untersuchung sollte den Abschluss meiner bisher so negativen Exkursion bringen. Dann die freudige Überraschung am ersten,wirklich interessanten Baum der Allee, einer in Kopfhöhe anbrüchigen, ca.60jährigen Linde. Aus einem kleinen Stammloch fielen mir nach leichtem Klopfen gleich mehrere Flügeldecken von Parandra in die Hände - Parandra gibt es also wirklich! Bei genauerer Untersuchung zeigte sich, dass der Baum eine gut erreichbare Stammhöhle aufwies, die mit Mulm reichlich gefüllt, ideale Entwicklungsbedingungen für Parandra bot. Mit Taschenmesser und beiden Händen bewaffnet konnte ich grössere Mulmmengen entnehmen und auf dem Boden in Ruhe untersuchen (alles Material wurde übrigens später so gut es ging wieder zurückverfrachtet!). Ein Umstand,der die entomologische Analyse an diesem Ort auch erheblich erleichtert hat, soll nicht unerwähnt bleiben: Während der gesamten Untersuchungszeit (ca.2 Stunden) konnte ich in aller Ruhe den für Aussenstehende ja so ungewöhnlichen Tätigkeiten (Mulm raus, Nase drüber usw.) nachgehen, da dieses „Naherhohlungsgebiet“ in diesem Bereich  für die Dresdener Bevölkerung verständlicherweise uninteressant geworden ist. Bis auf zwei Radfahrer und einige Brombeersammler in der Ferne konnten anthropomorphe Lebewesen nicht beobachtet werden.Wie anders hätte wohl die Untersuchung in den anderen klassischen Fundgebieten Dresdens (Großer Garten, Zwingeranlagen) ausgesehen?

Zurück zu Parandra – nach intensiver Nachsuche im Mulm und in der Stammhöhle,die durch niedrigwachsende Äste auch direkt von aussen eingesehen werden konnte,konnte ich ein beachtliches Beobachtungsergebnis konstatieren:Neben zahlreichen Parandra – Resten, Elytren, Extremitäten etc., konnten 12 Exemplare der diesjährigen Generation beobachtet werden. Die Haupterscheinungszeit schien aber schon dem Ende entgegegnzugehen, da viele Tiere nur noch schwache Bewegungen zeigten und wohl kurz vor dem Absterben standen. Die aktiven Käfer zeigten keinerlei Flugverhalten, waren aber nach kurzer Starre erstaunlich flink! Zwei der aktivsten Tiere wurden für Aufnahmen ausgewählt. Ein kleineres Weibchen (Fotos, Abb.2,3) überlebte ohne Nahrungsaufnahme 14 Tage! Die beobachteten Tiere zeigetn,wie in der Literatur angegen,erhebliche Grössenunterschiede: Das grösste Männchen maß von der Kieferzangenspitze bis zum Elytrenende stolze 23 mm,das kleinste Weibchen nur 13 mm! Die Aufnahmen  sind von Frank Köhler, Bornheim angefertigt, wofür ich ihm herzlich danke!

 

  Abb.2: Parandra brunnea (F.), Weibchen

 

 

Abb.3: Parandra brunnea (F.), Weibchen

 

Bei der Mulmanalyse konnte noch eine interessante, typische Begleitfauna festgestellt werden: Neben mehreren Quedius-Arten ( u.a. fuliginosus, mesomelinus, truncicola) wurden Brachygonus megerlei (Lac.) und Allecula rhenana Bach beobachtet.

Außer dieser Befallsstelle konnte ich P. brunnea in derselben kleinen Allee noch an einer weiteren Linde feststellen. Allerdings war dieser Baum schon abgestorben, rindenlos und stark von Ameisen besiedelt. Auf ein weiteres Vorkommen kann nur indirekt geschlossen werden,da die schon erwähnte große Linde am Hafenzaun den umfangreichen Bruchspiegel in nicht zugänglicher Höhe aufwies. Aussehen und Struktur dieser Stammverletzung legen aber ein weiteres Vorkommen von P.brunnea nahe!

Weitere Dresdener Fundorte konnte ich leider nicht mehr aufsuchen.Also kommt Parandra brunnea (F.)auch heute noch in Dresden vor, an geeigneten Stellen in stabiler Population! Für die Zukunft muß allerdings befürchtet werden, dass diese schöne Art, die absolut ungefährlich für gesunde Bäume ist, mehr und mehr verschwindet. Die angesprochenen großflächigen Umstrukturierungen der Innenstadt, sowie „Pflegemaßnahmen“in Parks und Grünanlagen (Sanierung stammkranker Bäume, Versiegelung, Abholzung etc.) sorgen für eine rasch zunehmende Einschränkung der Lebensbedingungen von P. brunnea (F.). Die Bäume im Großen Garten und weiteren Parks der Dresdener Innenstadt zeigten jedenfalls bei flüchtiger Betrachtung (mehr Zeit war leider nicht!), keine geeigneten Parandra – Entwicklungsstellen.

Die Isolation vom Ursprungsort (Nordamerika) hat in den dazwischenliegenden 30 – 40 Generationen nach Vergleichen mit  Tieren aus Canada zu keinerlei exoscelettalen Veränderungen geführt. Dies wäre eventuell zu erwarten gewesen, da die Besiedlung sicher von nur ganz wenigen Gründerindividuen ausging. Populationsgenetisch liegt bei einem solch kleinen Genpool, mangelnder Austauschmöglichkeit und fortlaufender Inzucht eine rasche Etwicklung zu einer auch morphologisch differenzierten Subspezies nahe! Hier wäre eine genetische Analyse sicher interessant!

Es wäre schön, wenn diese Zeilen (wie auch schon Horion 1974 anregte!) Anlass geben würden, P. brunnea (F.) einmal im Gesamtbestand zu erfassen und auch die Umgebung Dresdens miteinzubeziehen. Die Laubwaldgebiete der sächsischen Schweiz und die Naturschutzgebiete in der Nähe Dresdens bieten, wie ich selbst feststellen konnte, mit jeder Menge Totholz ideale Entwicklungsmöglichkeiten für diese Art.

Literatur:

Freude, Harde, Lohse: Die Käfer Mitteleuropas, Krefeld, 1966, Bd.9, S.10.

B. Klausnitzer, F. Sander: Die Bockkäfer Mitteleuropas, Die Neue Brehm-Bücherei, Wittenberg, 1978.

A. Horion: Faunistik der Mitteleuropäischen Käfer, Überlingen 1974, Bd.12, Cerambycidae, S.1.

H. Nüßler: Die Bockkäfer der Umg. von Dresden, 1964/74, Faun. Abh.(MTD), Heft 4, S.169-187.

Anschrift des Verfassers:
Gerhard Katschak

Turmstr.18

47533 Kleve

eMail: katschak@t-online.de