Coleo

 

3

 

67-70

 

2003

 

ISSN 1616-3281


Colydium elongatum FABRICIUS 1787, weitere Funde aus Nordrhein

(Insecta, Coleoptera, Colydiidae)

Klaas Reißmann, Kamp-Lintfort

Eingegangen: 13. Dezember 2003

im WWW publiziert: 31. Januar 2004


Abstract

Colydium elongatum could be found in other areas of Northrhine. The viewed facts are described.


Zusammenfassung

Colydium elongatum konnte in weiteren Bereichen von Nordrhein gefunden werden. Die Funde und die dabei gemachten Beobachtungen werden beschrieben.

 

 

Einleitung

 

Nachdem Colydium elongatum erstmalig in Nordrhein nachgewiesen und publiziert wurde (REIßMANN 2002), konnte die Art erstmalig auch linksrheinisch nachgewiesen werden. Während der Ausarbeitung dieser Anmerkungen erfuhr der Verfasser, dass die Art schon am 2. Juni 1991 in den Niederlanden bei Epen im Bovenste Bosch unter der Rinde einer toten Eiche von Oscar VORST gefunden und als Erstnachweis für die Niederlande auch publiziert wurde (VORST 1994). Das lässt vermuten, dass C. elongatum über die Niederlande nach Nordrhein einwandert.

              

 

Funde aus Nordrhein

 

Am 08.10.2002 konnte der Verfasser wiederum im Kreis Wesel in der Leucht, einem größeren Wald auf linksrheinischem Gebiet, nordwestlich von Kamp-Lintfort gelegen, ein weiteres Exemplar finden.

 

Das Tier saß unter der teilweise losen Rinde eines abgestorbenen aber noch stehenden Birkenstammes (Betula spec.). Der Stamm war noch vollkommen berindet. Begleitarten waren Corticeus unicolor (ca. 10 Exemplare), Corticeus bicolor (8 Exemplare), Uleiota planata (mehr als 10 Exemplare), Nalassus laevioctostriatus (6 Exemplare.), Endomychus coccineus (1 Exemplar) nd ein Exemplar aus der Cryptophagus – dentatus - Gruppe. Am Tag darauf konnten nochmals 5 Exemplare. Corticeus bicolor und 2 Exemplare  Taphrorychus bicolor (Familie: Scolytiidae) gefunden werden.

 

Das eine Exemplar E. coccineus deutet auf eine Verpilzung der Birke hin. Gleichwohl konnten keinerlei Pilze oder Myzelien entdeckt werden, was aber nicht heißt, dass diese tatsächlich nicht vorhanden waren.

 

C. unicolor und C. bicolor sind als Prädatoren von Scolytiden bekannt. Eine Häufung von C. unicolor ist keine Seltenheit. Die gefundenen ca. 10 Exemplare. machen sich da eher gering aus. C. bicolor dagegen ist eine Art, die der Verfasser in der Regel nur in Einzelexemplaren fand, eventuell auch mal zwei oder drei, jedoch bisher nie an einer Stelle innerhalb kürzester Zeit 13 Exemplare. Zumindest die Häufung von C. unicolor und C. bicolor deuten auf einen stärkeren Befall durch Scolytiden hin, wenn auch nur zwei gefunden wurden. Bohrlöcher waren in Anzahl vorhanden, aber nicht dicht gesät. Da keine anderen Scolytiden oder Anobiiden etc. nachgewiesen werden konnten, ist zu vermuten, dass T. bicolor in das Beutespektrum von C. elongatum gehört.

 

Am 04.05.2003 konnten sieben weitere C. elongatum bei einer Nachtsuche im Diersfordter Forst gefunden werden. Mit der Taschenlampe wurden dabei ein ca. 5 m hoher, weitestgehend unberindeter Stamm einer toten Eiche und ein alter, rindenloser Eichenstumpf abgeleuchtet. Neben C. elongatum wurden auch eine größere Anzahl Corticeus unicolor (geschätzt gut 100 Exemplare), drei Melandrya caraboides und einige Nalassus laevioctostriatus beobachtet.

 

Darüber hinaus konnte Siegmund SCHARF am 17.04.2002 in Hamminkeln, Ortsteil Wertherbruch tagsüber an einer Eiche ein Exemplar von C. elongatum beobachten, das auf dem Holz umher lief. Die Art ist prinzipiell dämmerungs- und nachtaktiv, kann jedoch auch immer wieder tagsüber beobachtet werden. Dabei scheinen unterschiedliche Witterungen für die Art kaum eine Beschränkung der Aktivität zu bedeuten. Gestützt wird diese These von eigenen Beobachtungen, bei denen bei Windstärke 3-4 und ca. 22° C im Schatten, in Südfrankreich tagsüber ein Exemplar beobachtet werden konnte, wie es über die Rinde einer toten, ca. 250 Jahre alten Eiche lief und schließlich unter der Rinde verschwand. Des weiteren konnten nachts zwei Exemplare beobachtet werden, die bei gleichbleibend starkem Wind und relativ kühlem Wetter (Temperaturen zum Beobachtungszeitpunkt im Bereich von +10° C, Tiefsttemperatur in dieser Nacht + 2° C) im Randbereich von Rinde und Stammspiegel über eine tote, ähnlich alte, blitzgeschädigte Eiche liefen.

 

Dr. Andreas MÜLLER (mündl. Mitt.) war am 31.05.2003 mit zwei Lepidopterologen im Hülser Bruch um Nachtfalter mittels Lichtfalle zu fangen. Die Lichtfalle wurde im Hülser Bruch bei Krefeld am Hölschen Dyk auf der sogenannten "Mäuseschwänzchenwiese" aufgestellt. In unmittelbarer Nähe stand eine über 100 Jahre alte, tote Eiche, die MÜLLER bei der Gelegenheit mit der Taschenlampe untersuchte. Dabei fand er zwei Exemplare C. elongatum. Bei einer gemeinsamen Nachsuche am 05.06.2003 zusammen mit Kevin SCHIMANSKI konnten weitere 12 Exemplare gesichtet werden. Begleitarten waren C. unicolor (3 Ex.), C. bicolor (4 Ex.) und einige Scolytiden.

 

Bemerkenswert war, dass an einer etwas jüngeren Eiche, die im Absterben ist, ca. 1,5 km entfernt von der auf der Mäuseschwänzchenwiese, kein einziger C. elongatum festgestellt werden konnte. Die Eiche hatte einige Stammspiegel und einen stark geschädigten großen Kronenast (in weiten Bereichen unberindet), darüber hinaus etliche Saftmahle, von denen der Saft regelrecht herunter tropfte und die von einer Vielzahl Hornissen und einer sehr großen Anzahl Fliegen (mehrere hundert Exemplare verschiedener Arten) besucht wurden. Darüber hinaus konnten ein Cetonia aurata, drei Melanotus rufipes, mehrere Amphotis marginata und ein Xestobium rufovillosum gesichtet werden. Scolytiden waren dagegen nicht vertreten. Ein Lösen von Rindenteilen im unteren Stammbereich ergab darunter liegendes, sehr morsches Holz (es konnte problemlos mit der Hand abgelöst werden), dass voraussichtlich durch Larven von Prionus coriarius stark durchlöchert war. In den weiter oben gelegenen, abgestorbenen Bereichen war das Holz sehr trocken, in einer Art, wie es die Anobiiden eher bevorzugen.

 

Diese und andere Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass Anobiiden nicht zum Beutespektrum von C. elongatum gehören. Die Art wurde vom Verfasser und anderen am Niederrhein nie in Verbindung mit Anobiiden gefunden. Totholzauszuchten ergaben immer wieder Xestobium rufovillosum, Xestobium plumbeum, Ptilinus pectinicornis u.a. Arten der Anobiidae, als Prädator immer wieder die Cleride Tillus elongatus, zuweilen auch Opilo domesticus aber bisher nie C. elongatum. Man kann wohl davon ausgehen, dass lediglich Platypodiden und Scolytiden in das Beutespektrum von C. elongatum gehören, nicht aber Anobiiden. Untermauert wird diese Hypothese noch durch eigene Beobachtungen im Lampertheimer Wald (Südhessen), wo bei Nachtbegehungen am 27. und 28.Mai 2003 an einem Teil eines Buchenstammes zahlreich C. elongatum beobachtet werden konnten (ca. 40 Exemplare), aber nicht eine Anobiidae. Dafür jedoch etliche Scolytiidae verschiedener Arten.

 

C. elongatum scheint ein Verfolger der Besiedler frischen Totholzes zu sein. Populationsspitzen werden an frisch toten oder langsam sterbenden Bäumen festgestellt (so wie an dem Buchenstück im Lampertheimer Wald s.o.), und zwar an solchen, an denen auch die höchste Populationsdichte an Scolytiden und/oder Platypodiden gegeben ist, da diese vor allem im ersten Jahr nach dem Tod des Baumes das Holz besiedeln. An altem Totholz wird C. elongatum zwar auch immer wieder gefunden, aber nie in großen Abundanzen, entsprechend den immer schwächer werdenden Abundanzen der verfolgten Arten.

 

Entgegen der bisherigen Annahme, dass C. elongatum vor allem Stammspiegel, also Bereiche, in denen die Rinde auf dem Holz fehlt, nutzt, respektive besiedelt, konnten bei weiteren Beobachtungen ebenfalls revidiert werden. Stammspiegel werden dort ausschließlich genutzt, wo Bäume absterben oder Beschädigungen der Rinde aufweisen, da dieser Bereich der einzige ist, der zu diesem Zeitpunkt von Scolytiden besiedelt werden kann. Auf vollkommen toten Bäumen kann man die Tiere aber überall beobachten. Sie kommen aus Bohrlöchern heraus, in denen sie sich tagsüber verstecken, kriechen auch in diese bei Störungen, bzw. wenn sie ihrer Beute nachstellen. Man kann die sowohl auf unberindeten, wie auch auf vollkommen berindeten Bereichen gleichermaßen beobachten. Auf der Rinde sind sie lediglich deutlich schwerer auszumachen.

 

Auch die Verpilzung von Bäumen dürfte für C. elongatum keine Rolle spielen, oder möglicherweise sogar eher abträglich sein. Die meisten Beobachtungen werden an Bäumen gemacht, die nicht oder kaum verpilzt sind. In solchen Fällen, in denen eine Verpilzung gegeben ist, waren die Pilze häufig vertrocknet.

 

So konnte der Verfasser am 01.06.2003 an einer absterbenden, ca. 200 Jahre alten Buche im Diersfordter Forst einen C. elongatum beobachten, der sich im Bereich eines großen Stammspiegels aufhielt. Der Stammspiegel fing am Boden an und reichte mit Unterbrechungen bis ca. 6 m, nach oben. Die Randbereiche, die bei einem kräftigen Baum mit Callusgewebe umwallt werden, waren mehr oder weniger dicht mit Eichenschichtpilz (Sterenum hirsutum) bedeckt, der allerdings vertrocknet war. Der Käfer kam aus einem Riss in der Rinde hervor, fühlte sich durch den Schein der Taschenlampe gestört und verkroch sich im nächsten Riss wieder unter der Rinde.

 

Ein weiterer Fund gelang am 09.08.2003 bei einer Nachtsuche an einer kleineren, ca. 8 m hohen Eiche. Hier kann man wohl davon ausgehen, dass es sich bereits um die neue Generation handelt, die vor der Überwinterung noch Reserven anlegt. Insgesamt handelte es sich bei dem Fund um sieben Exemplare, ein Männchen, sechs Weibchen.


Funddaten

D, Kreis Wesel, Kamp-Lintfort, "die Leucht", an Betula spec., 08.X.2002, leg. K. Reißmann, det. K. Reißmann       1 Ex.

D, Kreis Wesel, Diersfordt, Diersfordter Forst, 04.V.2003, leg. K. Reißmann, det. K. Reißmann                                                     4 Ex.

D, Kreis Wesel, Diersfordt, Diersfordter Forst, 04.05.2003, leg. A. Müller, det. A. Müller                                            1 Ex.

D, Kreis Wesel, Diersfordt, Diersfordter Forst, 04.05.2003, leg. S. Scharf, det. S. Scharf                                                                  2 Ex.

D, Kreis Wesel, Hamminkeln – Wertherbruch,leg. 17.04.2002, S. Scharf, det. S. Scharf                                                                    1 Ex.

F, St.Jean de Buéges (Nimes), Dept. de l' Herault, Seranne Gebirge, Ranquas, 500-600m NN, leg.& det.K. Reißmann                3 Ex.

D, Mannheim/Lampertheim, Südhessen, Lampertheimer Wald, 27./28.V.2003, leg. K. Reißmann, det. K. Reißmann  ca. 40 Ex.

D, Krefeld – Hüls, Hülser Bruch, 31.05.2003, leg. A. Müller, det. A. Müller                                                                                        2 Ex.

D, Krefeld – Hüls, Hülser Bruch, 05.VI.2003, leg. Müller/Schimanski/Reißmann, det. K. Reißmann                        12 Ex.

D, Kreis Wesel, Diersfordt, Diersfordter Forst, 01.VI.2003, leg. K. Reißmann, det. K. Reißmann                                                    1 Ex.

D, Kreis Wesel, Diersfordter Forst, 09.VIII.2003, leg. K. Reißmann, det. K. Reißmann                                                                     7 Ex.


Diskussion

 

Die linksrheinischen Funde von C. elongatum lassen vermuten, dass die Art über die Niederlande nach Nordrhein eingewandert ist. Weitere Funde im Kreis Wesel lassen darauf schließen, dass sich die Art etabliert hat und bei gezielter Suche weitere Exemplare aus anderen Wäldern gemeldet werden. Die zunehmende Häufung von Funden aus Nordrhein spricht dafür, dass die Art in Ausbreitung begriffen ist. Ein Neufund beispielsweise für Westfalen und das Saarland scheint nicht ausgeschlossen, sondern eher wahrscheinlich zu sein.

 

Weitere Beobachtungen könnten die am Niederrhein gemachten dahin gehend stützen, dass C. elongatum auch in anderen Regionen den Arten der Scolytiden und Platypodiden, nicht aber denen der Anobiiden nachstellen.

 

Zum Schluss sollte auch darüber nachgedacht werden, ob der Status „3“ (BINOT et al. 1998) in der roten Liste der BRD für C. elongatum noch haltbar ist. Dem Verfasser scheint dies nicht mehr gerechtfertigt.

 

 

Danksagung

 

Ich möchte mich bei einigen Personen bedanken, die zur Erstellung dieses Berichtes beigetragen haben. Bei Herrn Oscar VORST (Utrecht -NL) für die Zusendung seines Berichtes zum Neufund C. elongatum in den Niederlanden. Bei Dr. Andreas MÜLLER (Krefeld) für die zur Verfügung gestellten Daten und den Hinweis auf die Funde in Krefeld. Bei Sigmund SCHARF sowohl für die zur Verfügung gestellten Daten als auch die immer wieder gegebenen Denkanstöße und den Erfahrungsaustausch. Und bei Edmund WENZEL (Radevormwald) für die Bestimmung einiger Arten der Beifänge, dafür, dass er für jede Frage ein offenes Ohr hat und für seine kritischen Anmerkungen zum vorliegenden Text.



Literaturverzeichnis


BINOT, Margret et al. (1998) : „Rote Liste gefährdeter Tiere Deutschlands“ - Schriftenreihe für Landespflege und Naturschutz, Bonn‑Bad Godesberg, Bonn, 55, 1‑434

FREUDE, H., HARDE, K.W., LOHSE, G.A. (1967): „Die Käfer Mitteleuropas“, Band 7, Clavicornia

HORION, Adolf (1961): „Faunistik der mitteleuropäischen Käfer“, Band 8, Clavicornia

KLAUSNITZER, B. & F. KÖHLER, (1998): Verzeichnis der Käfer Deutschlands.- Entomofauna Germanica, Dresden

KOCH, K. (1968): Käferfauna der Rheinprovinz.-, Decheniana Beihefte (Bonn) 13, 1-382.

REIßMANN, K. (2002):Colydium elongatum FABRICIUS 1787, Neufund für Nordrhein“. – COLEO – Arbeiten und Berichte aus der Coleopterologie (Radevormwald) 3, 23-33

REITTER, E. (1911): „Fauna Germanica“, Band 3

VORST, Oscar (1994): Colydium elongatum nieuw voor de Nederlandse fauna“ - Ent. Ber., Amst., 54 (2): 23-25




Autor:

Klaas Reißmann

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